Sie sind hier:

Emden I

Chefetage

Emden II

Emden III

Emden IV

Emden V

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

Impressum

Bericht des Kommandanten Karl von Müller
an Kaiser Wilhelm II
Unternehmung gegen die Cocos-Inseln
Gefecht mit dem australischen Kreuzer „Sydney“
Vernichtung Eurer Majestät Schiff "Emden"

(Englischer Text)

Für die Unternehmung gegen die Cocos-Inseln hatten mich folgende Beweggründe bestimmt:
Abgesehen von dem materiellen Schaden, der dem Gegner durch die Zerstörung der Kabelstation und F.T.-Station und durch vorübergehende Erschwerung des telegraphischen Verkehrs zwischen Australien einerseits und England und anderen Ländern andererseits zugefügt werden würde, hoffte ich durch dieselbe ferner zu erreichen:
1.) Eine allgemeine Beunruhigung der Schifffahrt von und nach Australien, indem ich den Eindruck erwecken wollte, dass „Emden“ die nächste Zeit auf den Dampferwegen südlich und westlich Australiens kreuzen würde;
2.) Ein Abziehen wenigstens eines Teils der englischen Kreuzer, die an der ‚Verfolgung der „Emden“ beteiligt waren, aus den indischen Gewässern.

Ich hatte die Absicht, nach Ausführung der Unternehmung gegen die Cocos-Inseln nach Sokotre zu gehen, um zunächst im Golf von Aden und dann auf dem Dampferwege Aden-Bombay zu kreuzen.

Nach Beendigung des Kohlens am 2. November gegen 6 h abends wurde, um das weitere Ziel zu verschleiern, wieder durch die Passage nördlich der Pagen-Inseln die freie See angesteuert. Ich ging dann zunächst nach der Sundastrasse, weil ich es für möglich hielt, dass wegen der Gefahr, im indischen Ozean gekapert zu werden, mehr Schiffe der Ostasienfahrt ihren Weg durch diese Strasse und um das Kap der guten Hoffnung nehmen würden, und weil ich die Aussichten, die der Dampferweg Sundastrasse-Kap bis zu den Cocos-Inseln bot, ausnutzen wollte. Ich kreuzte vor der Sundastrasse bis in Sicht der Krakatau-Insel vom 4. Nov. morgens bis 5. November mittags, leider erfolglos, und trat dann den Marsch nach den Cocos-Inseln an. Auch auf diesem Wege kam kein Schiff in Sicht.

Auf dem für „Exford“, den zweiten gekaperten Kohlendampfer, festgesetzten Treffpunkt – 30 sm N. von North Keeling Insel – traf „Emden“ am 7. November gegen 8 h abends ein.

Nach dem Zusammentreffen mit „Exford“ sollte Oberleutnant z.S.d.R. Lauterbach die Führung dieses Schiffes für die nächste Zeit übernehmen, Kapitänleutnant Gropius wieder auf „Emden“ übersteigen. „Exford“ sollte dann nach einem etwa 900 sm in der Richtung nach Sokotra liegenden Treffpunkt (5S., 83O.?) vorausdampfen, dort auf „Emden“ warten, solange es sein Proviantbestand gestatten würde, dann, falls „Emden“ ausbleiben würde, einen neutralen Hafen anlaufen.

„Markomannia“ und andere möglicherweise von Simaloer nach dem Treffpunkt 30 sm nördlich von North Keeling Insel dirigierte Kohlendampfer sollte ich nach einem holländisch-indischen Hafen (Amboina) schicken, da sie in Folge der Kaperung des „Exford“ vorläufig nicht gebraucht wurden. „Markomannia“ sollte auf dem Wege dorthin die Nusa Besi Strasse (Ostspitze von Timor) ansteuern und einen dorthin bestellten Dampfer ebenfalls nach einem holländischen Hafen dirigieren.

„Exford“ wurde in der Nacht vom 7. zum 8. November trotz Hin- und Herdampfens nicht gefunden, sondern kam erst am Morgen gegen 8 h in Sicht. Kapitänleutnant Gropius meldete, dass kein anderer Kohlendampfer auf dem Treffpunkt angekommen sei. Nachdem der Wechsel in der Führung dieses Schiffes stattgefunden hatte, wurde „Exford“ mit einem den obigen Absichten entsprechenden Befehl detachiert.

Am 7. November abends von etwa 6 h an wurde von der F.T.-Station auf den Cocos-Inseln, die bis dahin überhaupt nicht gehört worden war, stündlich derselbe Funkspruch in dreistelligen Buchstabengruppen, eingeleitet durch das Wort „urgent“, gegeben, ohne dass zunächst eine Antwort erfolgte. Ich hielt es zuerst für möglich, dass es sich um eine geheime Mitteilung an passierende Handelsschiffe handelte. Bei Tagesanbruch wurde dieser Funkspruch mit dem Zeichen NC, in dem der kleine Kreuzer „Newcastle“ vermutet wurde, das aber ziemlich sicher der große Kreuzer „Minotaur“ gewesen ist, abgenommen und weiterer Verkehr zwischen dem Kriegsschiff und der Land-F.T.-Station beobachtet. Nach der Lautstärke der F.T.-Zeichen des Kriegsschiffes war anzunehmen, dass die Entfernung desselben von den Cocos-Inseln zunahm. Gegen 12 h mittags am 8. November, wo dieser F.T.-Verkehr wieder ganz aufhörte, wurde der Abstand dieses Kriegsschiffes von „Emden“ auf 200 sm geschätzt. Ich hielt es für möglich, dass es sich um ein Kriegsschiff handelte, das sich auf dem Wege von der Sunda-Straße nach der Kapkolonie, in der zu der Zeit gerade der Aufstand unter d e W e t ausgebrochen war, befand. Da ein F.T.-Verkehr zwischen diesem Kriegsschiff und einem anderen Kriegsschiff nicht beobachtet wurde, erschien es wahrscheinlich, dass kein anderes Kriegsschiff in der Nähe sei.
Wegen der auffallenden stündlichen Funksprüche in der Nacht vom 7. zum 8. November, und weil „Exford“ zunächst nicht gefunden wurde, verschob ich die für den 8. November geplante Unternehmung gegen die Cocos-Inseln (Direction-Island) um einen Tag. Als am Morgen des 8. November der F.T.-Verkehr zwischen einem englischen Kriegsschiff und der Landstation gehört wurde, erwog ich, ob ich die Unternehmung noch um einen Tag verschieben sollte, nahm aber doch davon Abstand, weil das englische Kriegsschiff am folgenden Morgen weit genug entfernt sein würde und ferner in Berücksichtigung des Kohlenbestandes, da ich auf dem Wege nach Sokotra mit einem sicheren Kohlen erst im Addu-Atoll (ca. 1500 sm ab) rechnen konnte.

Im Laufe des 8. November wurde noch folgender Offizieraustausch vorgenommen: Leutnant zur See Fikentscher und Schall für Leutnant zur See Schmidt und Gyssling auf „Buresk“, um den beiden letzteren, die nicht bei Penang dabei gewesen waren, die Teilnahme an dieser militärischen Unternehmung zu ermöglichen.

Da ich, wenn auch nicht mit einer großen Wahrscheinlichkeit, so doch mit der Möglichkeit des Vorhandenseins eines feindlichen Kreuzers bei den Cocos-Inseln zum Schutze der Kabel- und F.T.-Station rechnen musste, und den Kohlendampfer in diesem Falle nicht der Gefahr einer Vernichtung oder auch nur Beschießung aussetzen wollte, erhielt „Buresk“ Befehl, 30 sm nördlich der Süd-Keeling-Inseln-Gruppe zu warten und erst auf F.T.-Signal heranzuschließen. Unter günstigeren Verhältnissen wollte ich die Gelegenheit zum Kohlenauffüllen ausnutzen.

Während der Nacht steuerte „Emden“ mit kleiner Fahrt die Süd-Keeling Inselgruppe an. Dampf auf in 8 Kesseln; Schiff in Klarschiffzustand; der Simulator-Schornstein zur Täuschung gesetzt.

Am Morgen des 9. November von etwa 4 h an wurde auf höhere Fahrt gegangen, es wurde aber dann noch einmal für einige Zeit Kehrt gemacht wegen einer einsetzenden Regenbö, und weil die Ansteuerung von Port Refuge, dem Ankerplatz der Süd-Keeling-Inselgruppe, nicht unbedenklich erschien.

Kurs und Fahrt wurden dann so geregelt, dass „Emden“ kurz nach Sonnenaufgang, also etwas nach 6 h Vm. in Port Refuge ankerte.

Ein feindliches Kriegsschiff war nicht bei der Inselgruppe stationiert; auch nach dem Hellwerden war an dem ganzen Horizonte kein Schiff in Sicht. Nach der ganzen Sachlage konnte ich hoffen, dass „Emden“ für eine Reihe von Stunden würde unbehelligt vor Keeling Island liegen um dann wieder verschwinden zu können. Ein Beobachtungsposten war, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, im Krähennest stationiert mit dem Befehl, scharf nach allen Seiten Ausguck zu halten.

Unmittelbar nach dem Ankern wurde die Landungsabteilung in der Dampfpinass und den beiden Kuttern ausgeschifft. Sie bestand aus dem 1. Offizier, Kapitänleutnant v. Mücke, den Leutnants zur See Schmidt und Gyssling, 6 Unteroffizieren, 41 Mann.

Kapitänleutnant v. Mücke hatte von mir Befehl erhalten, die F.T.-‚Station und Kabelstation zu zerstören, wenn möglich auch die Kabel zu schneiden und zwar in erster Linie das nach Australien, in zweiter Linie das nach Südafrika, in dritter Linie das nach Niederländisch-Indien. Alle Codes und Depeschenmaterial sollten an Bord gebracht werden. Ein Rückrufsignal war festgesetzt. Mündlich hatte ich Kapitänleutnant v. Mücke gesagt, dass, falls die Insel in Verteidigungszustand wäre, mit Truppen besetzt sei, ich von der Ausführung der Landung Abstand nehmen, die Boote zurückrufen und mich auf eine Beschießung der F.T.- und Telegraphenanlage beschränken würde, da ich bei dieser Unternehmung einen Personalverlust mit Rücksicht auf die weitere Kreuzerkriegführung möglichst vermeiden wollte. Die F.T.-Station der „Emden“ hatte Befehl erhalten, jeden F.T.-Verkehr der Inselstation sofort zu stören.

Da die Verhältnisse für ein Kohlen in Port Refuge günstige waren und kein feindliches Kriegsschiff in größerer Nähe vermutet wurde, ließ ich, als die Boote sich der Landungsbrücke näherten, an „Buresk“ den Befehl funken, sofort an „Emden“ heranzuschließen. „Buresk“ antwortete nicht, weil sein Sender nicht funktionierte. Für diesen letzteren Fall war festgesetzt worden, dass das F.T.-Signal zum Heranschließen dreimal gegeben würde. Das Signal wurde auch von „Buresk“ abgenommen.

Die Inselstation fragte darauf an, in welchem Code und von welchem Schiff gefunkt würde, was natürlich nicht beantwortet wurde. Bald darauf gab die Inselstation Funksprüche ab und trotz Störens kam der Funkspruch „Strange ship at entrance“ durch. Nach einiger Zeit wurde gehört, dass ein Kriegsschiff oder Hilfskreuzer, dessen F.T.-Name während des Krieges noch nicht gehört worden war, die Inselstation anrief, aber keine Antwort mehr erhielt, da die F.T.-Station in der Zwischenzeit von der Landungsabteilung zerstört worden war. Nach Widerstandsmessungen wurde die Entfernung des feindlichen Schiffes auf 200 bis 250 sm geschätzt. Die Absicht, Kohlen aufzufüllen, gab ich nun doch auf und ließ die hierfür getroffenen Vorbereitungen wieder zurückmachen.

Es wurden von Land her mehrere Detonationen von Sprengpatronen gehört und es wurde auch beobachtet, dass der F.T.-Mast umfiel.

„Buresk“ konnte gegen 10 h Vm. in Port Refuge sein. Seine Rauchwolke musste gegen 8½ oder 9 h in Sicht kommen. Für die Arbeiten der Landungsabteilung auf der Insel waren zwei Stunden in Anrechnung gebracht worden, sodass dieselbe auch etwa um 9 h Vm. wieder an Bord zurück sein konnte. Mit Rücksicht auf die von dem feindlichen Kriegsschiff geschätzte Entfernung hielt ich ein Abbrechen der Zerstörungsarbeiten an Land zunächst nicht für notwendig und erachtete Inseegehen etwa gegen 10 h Vm. nicht für irgendwie bedenklich.
„Buresk“ ließ länger, als anenommen war, auf sich warten, da er in der Nacht durch Strom beträchtlich nach Nordwesten versetzt worden war.

Gegen 9 h Vm. kam in nördlicher Richtung eine Rauchwolke in Sicht, in der „Buresk“ vermutet wurde. Nach einiger Zeit tauchten Zweifel wegen der Art der Rauchentwicklung auf, ob es „Buresk“ sein könnte, da dieser im allgemeinen ziemlich rauchlos fuhr. Eine stärkere Rauchentwicklung als gewöhnlich wurde aber für möglich gehalten, da er am Tage vorher einen Bunkerbrand gehabt hatte, vielleicht die hierdurch verschlechterte Kohle verbrannte, und weil er sicherlich höchste Fahrt lief. Es lag auch die Möglichkeit vor, dass es einer der zwischen Colombo und Australien verkehrenden Postdampfer war, von denen einer, soweit mir erinnerlich, auf Grund einer Nachricht aus erhaltenen Zeitungen, in dieser Gegend vermutet wurde. Aus dem Krähennest wurde auch zuerst falscher Weise gemeldet, dass das gesichtete Schiff einen Schornstein und zwei Masten habe.
Als bis 9 h 15 die Landungsabteilung noch keine Anstalten zur Wiedereinschiffung traf, ließ ich Signal an dieselbe machen „Arbeiten beschleunigen“.

Kurz darauf wurden die Masten des Fahrzeuges, in dem „Buresk“ oder ein Postdampfer vermutet wurde, in Folge ihrer Höhe als Kriegsschiffsmasten erkannt. Dasselbe hielt zunächst nicht direkt auf Port Refuge zu, sondern schien die Inselgruppe östlich passieren zu wollen.

Die folgenden Ereignisse entwickelten sich nun außerordentlich schnell, da das feindliche Kriegsschiff mit sehr hoher Fahrt, 20 bis 25 sm, herankam. Ich befahl „Dampf auf in allen Kesseln“ und ließ mehrere Male das Rückrufsignal für die Landungsabteilung machen; gleich darauf „Anker lichten“, „Klarschiff zum Gefecht“, „Maschine beschleunigt Dampf auf für Höchstgeschwindigkeit“.

Es wurde jetzt auch erkannt, dass das feindliche Kriegsschiff 4 Schornsteine habe. In ihm wurde der englische Kreuzer „Newcastle“ vermutet; es war aber, wie erst am Nachmittage erkannt wurde, da beide im Typ sich sehr ähnlich sind, der australische Kreuzer „Sydney“. Dieser hatte die auf dem Wege von Australien nach Colombo befindliche Transportflotte, die australische und neuseeländische Truppen an Bord hatte, begleitet. Dass diese Transportflotte in Anmarsch war, wusste ich nicht, glaubte auch, dass die Transportschiffe mit australischen Truppen direkt von Australien nach Aden gehen würden, welcher Weg in etwa 500 sm Abstand an den Cocos-Inseln vorbeiführt.

Bei der Transportflottille befanden sich außer „Sydney“ der australische Kreuzer „Melbourne“ und der japanische Panzerkreuzer „Ibuki“. „Minotaur“ war am Tage vorher, nach Empfang des Funkspruchs von der Landstation, mit hoher Fahrt von der Transportflotte weggedampft. Jeder sonstige F.T.-Verkehr war bei der Transportflotte ängstlich vermieden worden.

Die Transportflotte stand nur 52 sm nördlich von den Cocos-Inseln, als bei ihr der Funkspruch der Landstation „Strange ship at entrance“ gehört wurde. „Ibuki“ nahm sofort Kurs nach den Cocos-Inseln auf, wurde aber von dem englischen Befehlshaber zurückgehalten. „Sydney“ wurde zur Verfolgung detachiert und sollte während eines Gefechts dauernd F.T.-Signale geben. Sobald diese aufhören würden, sollten „Ibuki“ und „Melbourne“ zur Unterstützung folgen.
Anmerkung: Diese Einzelheiten habe ich später auf Sydney oder auf der Transportflotte erfahren.

Die Landungsabteilung begann gegen 9 h 30 mit der Einschiffung in die Boote. Bei der schnellen Annäherung des Gegners erwies es sich aber als unmöglich, die Landungsabteilung vor Beginn des Gefechts an Bord zu nehmen. Ich ließ daher, sobald der Anker gelichtet war, die Maschinen auf „Äußerste Kraft voraus“ gehen und drehte mit dem Schiff auf nordnordwestlichen Kurs, um bis zu dem Beginn des Gefechts die günstige Stellung zum Winde noch zu verbessern. Ich musste versuchen, dem Gegner durch die Artillerie solchen Schaden zuzufügen, dass er in seiner Geschwindigkeit wesentlich herabgesetzt wurde, ehe ich zu einer aussichtsreichen Herbeiführung des Torpedokampfes schreiten konnte. „Sydney“ hatte die ungünstigere Stellung zum Winde, was aber bei der hohen Fahrt, die sie lief, nur wenig nachteiliger wirkte.

Als „Emden“ nach dem Ankerlichtern auf nordnordwestlichen Kurs ging, hielt „Sydney“, die bis dahin südlichen Kurs gesteuert hatte, recht auf „Emden“ zu und drehte auf etwa 120 hm Entfernung auf ungefähr 4 Strich konvergierenden Kurs. Als die E-Messgeräte 90 hm maßen, gab ich Befehl zum Feuereröffnen.

Die erste Salve, mit 94 hm Aufsatz geschossen, lag weit links, außerhalb des Ziels, die zweite weit im Ziel, dann ein oder zwei Kurz-Salven, dann deckende Salven. Nach
Beobachtung von dem inzwischen herangekommenen „Buresk“ aus soll in der ersten Phase des Gefechts die Streuung der Salven gering gewesen sein und die Batterie gut am Ziel gelegen haben. Einige Zeit nach Beginn des Gefechts wurde ein starkes Aufflammen auf dem Mitteldeck der „Sydney“, wahrscheinlich als Folge der Entzündung von Cordite, nach einem Treffer beobachtet.

„Sydney“ eröffnete gleich nach „Emden“ das Feuer, nachdem sie kurz vorher auf parallelen Kurs gegangen war. Sie überschoss „Emden“ zuerst stark und es dauerte geraume Zeit, bis sie sich eingeschossen hatte. Die Ursache hierfür war – wie ich später erfahren habe –, dass mit der zweiten Salve der „Emden“ zwei sehr glückliche Treffer erzielt wurden. Eine leider nicht detonierende Granate traf den vorderen E-Messstand, in dessen Nähe der Kommandant und Navigationsoffizier standen, zerstörte den Messapparat und tötete den Entfernungsmessermaaten. Eine zweite Granate detonierte bei der hinteren Feuerleitstation und verwundete alle zu derselben gehörigen Personen, darunter einen Offizier.

Einige Minuten nach dem Feuereröffnen befahl ich „2 Strich Steuerbord“, um auf eine für die 10,5 cm wirksamere Entfernung an den Gegner heranzukommen und um der „Sydney“ das Am-Ziel-Bleiben zu erschweren.

Sobald „Sydney“ eingeschossen war, traten auf „Emden“ Störungen auf, die sich schnell steigerten, so dass ich schon ziemlich bald den Eindruck hatte, dass „Sydney“ die Feuerüberlegenheit gewann. Dass die Artillerie der „Sydney“ schon bald das Übergewicht über die der „Emden“ gewann, obwohl die letztere die ersten Treffer erzielte und in der ersten Gefechtsphase bei großer Feuergeschwindigkeit gut am Ziel lag, kann auf folgende Ursachen zurückgeführt werden:
1.) Die Sprengwirkung der englischen 15 cm Granate ist wesentlich größer als die der 10,5 cm Granate.
2.) „Sydney“ hatte besseren Schutz des Schiffskörpers und der Artillerie (Seitenpanzer, größere und stärkere Schutzschilde der Geschütze, auf „Emden“ zwei Geschütze der Breitseite ohne Schutzschilde).
3.) Die Munitionsförderwerke auf der „Emden“ waren leicht verletzlich; besonders konnten sie leicht in Folge von Beschädigungen der Heißschächte durch Sprengstücke unbrauchbar werden.
4.) Die Entfernung, auf der das Gefecht besonders im Anfang geführt werden musste, stellt die obere Grenze für eine wirksame Verwendung der 10,5 cm Geschütze dar. Die Treffaussichten der 15 cm Geschütze sind auf großen und mittleren Entfernungen größere als die der 10,5 cm Geschütze.
5.) In Folge des um 2000 t größeren Deplacements lag „Sydney“ in der Dünung ruhiger als „Emden“, was ebenfalls von Einfluss auf die Trefffähigkeit war.

Gleich nachdem „Sydney“ eingeschossen war, zerstörte eine Granate den F.T.-Raum. Kurz darauf setzte eine auf der Back dicht vor dem Kommandoturm detonierende Granate den größten Teil der Bedienungsmannschaft des I. Geschützes und einen Teil der in Lee vom Kommandoturm befindlichen Mannschaften außer Gefecht. Dann versagte die elektrische Befehlsübermittlung der Artillerie, sodass alle Befehle an die Geschütze durch die Sprachrohre übermittelt wurden, was sich bei dem Gefechtslärm als schwierig erwies, und was die Feuergeschwindigkeit und wahrscheinlich auch die Streuung der Salven nachteilig beeinflusste. Das Ruder im Kommandoturm versagte und gleichzeitig der Rudertelegraph; es wurde aus Abteilung I gesteuert, die Befehle dorthin wurden durch Sprachrohr gegeben. Nach dem Kommandostand kam eine Meldung, dass der vordere Schornstein nach B.B. umgefallen sei, und von einer Stelle, wahrscheinlich von der Hütte, kam eine Meldung, dass nicht genügend Munition an das dortige Geschütz käme.

Um näher an den Gegner heranzukommen, und um der Leitung seiner Artillerie das Am-Ziel-Bleiben zu erschweren, befahl ich etwa 15 Minuten nach Beginn des Gefechts weitere „2 Strich Steuerbord“, änderte diesen Befehl aber, bevor er ausgeführt war, in „1 Strich Steuerbord“, da „Sydney“ in Folge ihrer überlegenen Geschwindigkeit schon zu vorlich stand, sodass bei einer weiteren Drehung die achteren Geschütze des Ziels nicht mehr hätten bekommen können.

Durch Splitter einer in der Nähe des Kommandostandes detonierenden Granate wurde der Artillerieoffizier, Kapitänleutnant Gaede, dicht am Auge, der gleichzeitig als Manövrieroffizier fungierende Torpedooffizier, Oberleutnant zur See Witthöft, am Kinn verletzt, der Maschinentelegraphenposten, Matrose Tietz, und ein Artilleriebefehlsübermittler, Ober-Artillerie-Mechanikersgast Hartmann, leicht verwundet. Die letzteren beiden mussten den Kommandostand verlassen.

Etwa 20 Minuten nach Beginn des Gefechts kam Meldung aus Abteilung I: „Rudermaschine versagt“. Wodurch der Ausfall der Rudermaschine verursacht worden war, habe ich bisher nicht feststellen können. Auf den Befehl „Handruder besetzen“ begaben sich der Navigationsoffizier, Kapitänleutnant Gropius, und der Gefechtsrudergänger, Obermatrose Büsing, nach achtern, um mit dem Personal der achteren Signalstelle das Handruder in Betrieb zu nehmen. Da dies Personal bereits ausgefallen war, ging das Signalpersonal der vorderen Signalstelle, soweit es noch nicht außer Gefecht gesetzt war, ebenfalls nach achtern auf die Hütte. Das Handruder ließ sich jedoch nicht mehr bewegen, offenbar weil das Gestänge in Folge eines Treffers klemmte. Es war wahrscheinlich kurz vorher gewesen, dass bei dem IV. Geschütz die Bereitschaftsmunition durch eine feindliche Granate zur Detonation gebracht worden war, wodurch unter anderem auch ein besonders starker Brand unter der Hütte erzeugt worden war, der für den Navigationsoffizier und das Signalpersonal ein Vordringen nach Abteilung I unmöglich machte.
Kapitänleutnant Gropius meldete mir, dass auch das Handruder unbrauchbar sei, begab sich wieder nach achtern und beteiligte sich dann an der Bedienung des V. Geschützes. Durch den Luftdruck einer auf oder unter der Hütte detonierenden Granate wurde er und mehrere Mann später über Bord geschleudert.

Inzwischen hatte das Schiff in Folge des Versagens der Rudermaschine um etwa 8 Strich nach Steuerbord gedreht; die weitere Drehung wurde durch entsprechenden Schraubengang aufgehoben. Da das Feuer der Steuerbord-Geschütze schon wesentlich schwächer geworden war, drehte ich nicht zurück, sondern ließ es zu einem Kreisgefecht mit der Backbord-Seite kommen. Es wurde von da an mit Schrauben gesteuert.

Während dieser Gefechtsphase fielen die Entfernungsmessgeräte aus. Bald wurde auch das Feuer der Backbord-Geschütze sehr schwach, wahrscheinlich in Folge von Munitionsmangel und starkem Ausfall an Geschützmannschaften und Munitionsmännern. Der Offizier für die E-Uhr, Leutnant zur See Zimmermann, und der Befehlsübermittler, Feuerwerksmaat von Risse, wurden zur Unterstützung an die Geschütze geschickt, da sie im Kommandostand nicht mehr gebraucht wurden. Beide fielen im weiteren Verlauf des Gefechts. Aus dem Torpedoraum kam die Meldung, dass von der Torpedoluftpumpe keine Luft mehr zu bekommen sei.

Wenn auch die Aussichten, auf Torpedoschussweite an den Gegner heranzukommen, äußerst gering waren, wollte ich doch, besonders da der Artilleriekampf mehr und mehr eine für „Emden“ ungünstige Wendung nahm, den Versuch zu einem Torpedoangriff nicht unterlassen, und drehte mit dem Schiff nach Backbord auf den Gegner zu. Die Entfernung nahm ab bis auf etwa 45 hm, als „Sydney“ nach Abgabe eines Torpedoschusses (wie ich nachträglich erfahren habe), der fehlging, hart nach Steuerbord abdrehte und mit hoher Fahrt von „Emden“ ablief.

Das Feuer der Geschütze der „Emden“ hatte inzwischen noch mehr nachgelassen. Der Artillerieoffizier, Kapitänleutnant Gaede, der bis dahin das Feuer der „Emden“ unter immer schwieriger werdenden Verhältnissen mit Ruhr geleitet hatte, bat mich nun an die Geschütze gehen zu dürfen, um dort nach dem Rechten zu sehen und schlug vor, dass ich die Entfernungen weiter übermitteln möchte. Ich stimmte dem zu. Kapitänleutnant Gaede hat dann die noch gefechtsfähigen Geschützmannschaften an zwei bzw. bald an einem Geschütz zusammengenommen. Hierbei wurde er schwerverwundet und verschied kurz nach Beendigung des Gefechts.

Die Artilleriebefehlsübermittelung arbeitete nur noch mehr mangelhaft, da die Sprachrohre beschädigt waren. Die obere Brücke wurde zusammengeschossen, der mittlere und achtere Schornstein fielen um und der Fockmast ging mit dem im Krähennest als Hilfsbeobachter für die Artillerie stationierten Adjutanten, Leutnant zur See von Gnerard und dem Signalgasten Metzing über Bord.

Nachdem „Sydney“ nach Abgabe eines Torpedoschusses abgedreht war, wollte ich noch einen zweiten Versuch machen, auf Torpedoschussweite an den Gegner heranzukommen.

Es gelang zunächst nicht, den Befehl „Steuerbord-Maschine stopp“ über die Zentrale an die Steuerbord-Maschine zu übermitteln. Ich schickte daher zwei Mal den Befehlsübermittler, Matrosen Werner, über Deck nach dem Maschinenoberlicht, um die notwendigen Befehle hinunterzurufen. Nach einiger Zeit gelang es dann wieder, wenn auch mit einigem Zeitverlust, Befehle an die Steuerbord-Maschine über die Zentrale und Backbord-Maschine zu übermitteln.

Ich befahl: „Alles was die Maschinen leisten können“. Aber auch bei diesem zweiten Versuch ließ mich der Gegner nicht auf eine nähere Entfernung als 50 bis 55 hm an ihn herankommen. Die Maschinen erzielten wahrscheinlich, weil die Schornsteine umgeschossen waren, die Feuertüren wegen Gas- und Rauchgefahr geöffnet werden mussten, und weil ein oder zwei Kessel während des Gefechts ausgefallen waren, nur noch 115 bis 120 Umdrehungen, was einer Geschwindigkeit von 19,5 sm entspricht.
Da inzwischen das Artilleriefeuer der „Emden“ ganz aufgehört hatte, drehte ich durch Stoppen der Steuerbord-Maschine ab. Kurz danach wurde aus dem Torpedoraum gemeldet, dass der Raum wegen eines Lecks, verursacht durch einen Unterwassertreffer, verlassen werden musste.

Da ich keine Möglichkeit mehr hatte, den Gegner zu schädigen, habe ich mich dann entschlossen, das stark zusammengeschossene und an vielen Stellen brennende Schiff auf der Luvseite von Nord-Keeling Insel in der Brandung auf das Riff zu setzen, es dort vollständig zum Wrack zu machen, um die Überlebenden der Besatzung nicht nutzlos zu opfern.

Kurz vor dem Auflaufen, das ungefähr 11 h 15 Vm. erfolgte, ließ ich beide Maschinen stoppen und gleich nach dem Auflaufen noch einmal „Äußerste Kraft voraus“ angehen, um das Schiff möglichst weit auf das Riff hinaufzuschieben. Dann gab ich Befehl, in allen Kesseln Feuer auszumachen und alle Maschinen- und Kesselräume zu fluten. Auch gab ich, da „Sydney“ zunächst noch weiterfeuerte, die Erlaubnis an die an Deck befindlichen bzw. an Deck kommenden Leute: „Wer will, kann über Bord springen und sich durch Schwimmen auf die Insel retten.“

„Sydney“ hatte, als „Emden“ den zweiten Versuch, auf Torpedoschussweite heranzukommen, als aussichtslos aufgegeben hatte, ebenfalls nach Steuerbord gedreht und folgte dann „Emden“ im laufenden Gefecht in nordwestlicher Richtung. Der Kommandant der „Sydney“ wollte – wie ich später von ihm erfuhr – das Auflaufen der „Emden“ verhindern. „Sydney“ drehte nach Backbord, beschrieb einen vollen Kreis, stellte mehrere Minuten nach dem Auflaufen der „Emden“ das Feuer ein (um 11 h 20 Vm.) und nahm dann die Verfolgung des Kohlendampfers „Buresk“ auf.

Wie später an Bord der „Sydney“ und aus Zeitungen in Erfahrung gebracht wurde, hatte „Sydney“ etwa 16 Treffer erhalten (siehe Anlage). Ihre Verluste betrugen 4 Tote, 16 Verwundete.

Eine Skizze des Gefechts ist in Anlage beigefügt.

„Buresk“ war in der Nacht vom 8. zum 9. November durch Strom etwa 12 sm in nordwestlicher Richtung versetzt worden. Nachdem er den Befehl, an „Emden“ heranzuschließen, erhalten hatte, nahm er südlich Kurs auf mit höchster Marschgeschwindigkeit. Um 8 h 30 Vm., als „Buresk“ etwa 5 sm nördlich von Nord-Keeling Insel stand, wurde von ihm in östlicher Richtung eine starke Rauchwolke gesichtet, die zuerst für die eines Handelsdampfers gehalten wurde. Erst später wurde erkannt, dass es ein Kriegsschiff sei, welches aber nicht Kurs auf die Süd-Keelings-Inseln hatte, sondern diese wesentlich ließ. Gegen 9 h. 30 stand „Buresk“ etwa 5 sm südöstlich von der Nord-Keeling-Insel, als „Emden“ mit gesetzten Toppflaggen gesichtet wurde, und als erkannt wurde, dass das vorher gesichtete Schiff auf „Emden“ zudrehte. „Buresk“ ging auf langsame Fahrt, später auf nördlichen Kurs, um den Verlauf des Gefechts abzuwarten. Als später erkannt wurde, dass das Gefecht voraussichtlich einen für „Emden“ ungünstigen Verlauf nehmen würde, suchte „Buresk“ mit nordwestlichem Kurse zu entkommen.

Gegen 11 h 50 Vm. wurde beobachtet, dass „Sydney“ die Verfolgung des „Buresk“ aufnahm. Da ein Entkommen aussichtslos erschien, ließ Kapitänleutnant Klöpper klarmachen zum Versenken des Schiffes. Etwa um 1 h Nm. machte „Sydney“ Signal „Stoppen“, worauf gestoppt wurde und die Ventile im Maschinenraum geöffnet wurden.
Die Handwaffen wurden über Bord geworfen, die Geheimsachen verbrannt und die F.T.-Station zerstört. Zwei Boote waren inzwischen zur Aufnahme der chinesischen Feuerleute mit der übrigen Besatzung klargemacht und mit Proviant versehen worden für den Fall, dass „Sydney“ die Aufnahme der Mannschaften verweigerte. Während „Buresk“ gestoppt lag, feuerte „Sydney“ einen scharfen Schuss über das Schiff hinweg, worauf an „Sydney“ gemorst wurde: „Es sind Engländer an Bord“. (Der Steward und Koch der alten „Buresk“-Besatzung). „Sydney“ antwortete: „Holen Sie die Flagge nieder“, die darauf versenkt wurde. Nach ungefähr einer halben Stunde kam ein Kutter mit zwei Offizieren und einer Prisenbesatzung von annähernd 10 Matrosen an Bord. Der Prisenoffizier verlangte, dass „Buresk“ zur Aufnahme der „Emden“-Besatzung folgen sollte, worauf ihm geantwortet wurde, dass die Kessel abgeblasen seien und dass das Schiff im Sinken sei.

Die „Buresk“-Besatzung erhielt daraufhin Befehl, in ihren Booten auf die „Sydney“ zu fahren.

„Sydney“ nahm die beiden „Buresk“-Boote nach Anbordnahme der „Buresk“-Besatzung in Schlepp und dampfte mit kleiner Fahrt auf Nord-Keeling-Insel zu.
Inzwischen waren auf „Emden“ die Maschinen- und Kesselräume und mit Rücksicht auf die Feuersgefahr auch die Munitionsräume geflutet, die Geschütze durch Überbordwerfen unbrauchbar gemacht, die Torpedozielapparate über Bord geworfen, sämtliche Geheimsachen, soweit sie noch nicht verbrannt waren, vernichtet worden. Der Torpedoraum war durch das Leck, das er durch den Unterwassertreffer erhalten hatte, vollgelaufen. Die herrschenden Brände wurden, soweit wie möglich, gelöscht. Die Verwundeten wurden durch den Stabsarzt Dr. Luther behandelt; die Schwerverwundeten wurden alle auf die Back gebracht. Auf die von mir gleich nach dem Auflaufen, während „Sydney“ noch feuerte, erteilte Erlaubnis hin, waren mehrere Leute über Bord gesprungen und hatten durch die Brandung den ungefähr 100 m entfernten Strand erreicht; einige sind wahrscheinlich leider dabei ertrunken, einige wurden wieder aus dem Wasser an Bord gezogen, nachdem „Sydney“ das Feuer eingestellt hatte.

Es wurde dann versucht, durch Hinübergabe einer Leine eine Trossenverbindung mit der Insel herzustellen, um dann mittelst einer Art Hosenboje das an Bord befindliche Personal, sowie auch Proviant und Trinkwasser auf die Insel zu schaffen. Aber sämtliche Versuche, die in dieser Hinsicht an diesem und am folgenden Tage gemacht wurden, scheiterten, da seitlich setzender Strom die Schwimmkörper nicht anschwemmen liess und weil die Leine gewöhnlich hinter Korallen hakte und dann brach.

Nachmittags gegen 4 h kam „Sydney“ von Westen her wieder in Sicht. Da sie zwei Ruderboote in Schlepp hatte, wurde angenommen, dass sie die Überlebenden an Bord nehmen wolle. In ziemlich großer Entfernung von der „Emden“ wurden die Boote losgeworfen und „Sydney“ dampfte auf ca. 40 hm Entfernung am Heck der „Emden“ vorbei. Da sie internationale Signale wehen hatte, ließ ich mit einer Schwenkflagge hinübermorsen: „No signal-book“; letzteres war verbrannt. Als „Sydney“ das Heck passiert hatte und Steuerbord achteraus von „Emden“ stand, eröffnete sie unvermutet wieder das Feuer und schoss mehrere Salven, wodurch einige getötet oder verwundet und neue Brände verursacht wurden. Ich gab wiederum die Erlaubnis: „Wer schwimmen kann und wer will, kann über Bord springen“, da ich nicht wusste, wie lange „Sydney“ das Feuer fortsetzen würde, und da dies eventuell die einige Rettungsmöglichkeit blieb. Eine Anzahl von Leuten sprang über Bord, einige erreichten die Insel, einige ertranken bei dem Versuch leider, darunter der tüchtige Torpedomaschinist Pyttlik; einige wurden nachher wieder an Bord gezogen. Da „Emden“ kein kampffähiges Schiff mehr war, sondern ein auf einem Korallenriff liegendes hilfloses Wrack, ließ ich zum Zeichen der Übergabe des Restes der Besatzung eine weiße Flagge zeigen und gleichzeitig auch die Kriegsflagge, die noch im Grosstopp wehte, niederholen und verbrennen, worauf „Sydney“ das Feuer einstellte.
Der Kommandant der „Sydney“, Captain Glossop, hat mir später folgende Erklärung für diese Beschießung gegeben: Nach dem Morsesignal der „Emden“: „No signalbook“ habe er zweimal durch Morsen angefragt: „Do you surrender?“, welches Signal auf „Emden“ nicht gesehen oder nicht verstanden worden ist, und da keine Antwort erfolgte, die Kriegsflagge im Grosstopp noch wehte, eine weiße Flagge nicht gezeigt wurde, habe er geglaubt, dass „Emden“ den Kampf fortsetzen wolle, und habe deshalb den Befehl zum Feuern gegeben. Als sehr stichhaltig kann diese Erklärung nicht angesehen werden, wenn berücksichtigt wird, dass „Emden“ schon während der letzten Gefechtsphase nicht mehr gefeuert hatte, dass sie als Wrack auf dem Riff lag, und dass durch das Signal der „Emden“ „No signalbook“ die Bereitwilligkeit zu Verhandlungen zu erkennen gegeben war. Ich kann wohl sagen, dass ich an seiner Stelle nicht so gehandelt haben würde, sondern dass ich ein Boot, eventuell mit Parlamentärflagge auf die „Emden“ geschickt haben würde. Ich hatte auch den Eindruck, dass die Sache Kapitän Glossop selbst hinterher sehr peinlich war, und dass er sich zu der Handlung hauptsächlich durch seinen I. Offizier hatte bestimmen lassen.

Nach der Beschießung dampfte „Sydney“ zu den losgeworfenen Booten zurück und schickte eins derselben mit Mannschaften von „Buresk“ unter Führung von Leutnant zur See Fikentscher an Bord mit der Mitteilung, dass „Sydney“ am folgenden Morgen erst feststellen müsse, was auf den Süd-Keeling-Inseln (Direction Island) vor sich gegangen sei und dass sie dann zurückkehren würde, um die Überlebenden zu retten. Bei dem an diesem und an dem folgenden Tage herrschenden günstigen Wetter konnten Boote – wenn auch nur mit einiger Schwierigkeit – am Heck der „Emden“ anlegen.

Ich hielt es nicht für ganz sicher, dass „Sydney“ zurückkehren würde, da ich vermutete, dass Kapitänleutnant v. Mücke mit der Landungsabteilung Direction Island zunächst verteidigen und herankommenden englischen Booten einen heißen Empfang bereiten würde. Auch war es zweifelhaft, ob am folgenden Tage ein Längsseitkommen von Booten möglich sein würde. Infolgedessen wurden die Versuche, eine Verbindung mit Land herzustellen, fortgesetzt, aber, wie schon erwähnt, ohne Erfolg.

Am 10. November gegen 1 h Nm. kam „Sydney“ zurück und schickte zwei Boote mit einem Offizier auf die „Emden“ mit der Mitteilung, dass der Kommandant der „Sydney“ bereit sei, die Überlebenden der „Emden“-Besatzung an Bord zu nehmen, auch die auf Nord-Keeling-Insel befindlichen Leute zu retten, wenn ich mit meinem Wort dafür verbürge, dass kein Mann der „Emden“-Besatzung eine feindselige Handlung auf „Sydney“ begehen würde. Dieses wurde von mir zugesagt. Die Überschiffung war bei der herrschenden Dünung naturgemäss schwierig, vollzog sich aber doch verhältnismäßig glatt. Es wurden zuerst die Verwundeten, dann die Unverwundeten übergeschifft. Ich verließ als letzter die „Emden“, nachdem ich vorher noch mit Hilfe einiger Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften das Vorschiff im Zwischendeck und der Batterie, nach Ausgießen von Terpentin und Öl, wovon aber leider nur geringe Mengen verfügbar waren, in Brand gesteckt hatte. Das Schiff brannte noch am folgenden Morgen, meine Hoffnung, das es hierdurch schnell ganz zerstört werden würde, hat sich aber leider nicht erfüllt.

Der Kommandant der „Sydney“ hatte für meine Überschiffung seine Gig geschickt, obwohl ich auf eine vorherige diesbezügliche Mitteilung hin dringend gebeten hatte, davon Abstand zu nehmen.

Die Rettung der auf der Insel befindlichen Leute wurde erst am folgenden Tage unternommen, da es inzwischen dunkel geworden war. Zur Vorbereitung der Überschiffung wurde aber schon am Abend des 10. November Leutnant zur See Schall an Land geschickt, der die Nacht über auf der Insel verblieb. Während der Nacht erlag leider der an Land geschwommene Assistenzarzt Dr. Schwabe seinen Verwundungen.

Das Achterschiff der „Emden“ war am 10. November mehr gesackt, so dass das Hochwasser bis zu einer Höhe von 1 m unter dem Oberdeck stand. Am folgenden Morgen wurde beobachtet, dass die Brandung schon zeitweise über das Oberdeck hinwegging. Das Schiff lag mit etwa 2/3 seiner Länge auf dem Riff auf. Die Bewegungen und Erschütterungen des Achterschiffs waren in Folge der Dünung so stark, dass es schien, als ob das Schiff schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit auseinanderbrechen müsste. Die Längsfestigkeit des Schiffskörpers war aber eine so gute, dass dies erst nach langer Zeit eintrat.

„Sydney“ nahm am 11. November nach Überschiffung der auf Nord-Keeling befindlichen Unteroffiziere und Mannschaften Kurs nach Colombo auf. Die Behandlung der Kriegsgefangenen auf „Sydney“ war gut und besonders anerkennenswert die Fürsorge, die den Verwundeten zu teil wurde. Leider starben auf „Sydney“ noch an ihren Verwundungen Marine-Ingenieur Stoffers, ein Unteroffizier, zwei Mann. Die Namen kann ich zur Zeit nicht angeben.

Am 13. November wurden die Leichtverwundeten und ein Teil der Unverwundeten, um auf „Sydney“ Platz zu schaffen, auf den Hilfskreuzer „Empress of Russia“ übergeschifft. Am 15. November lief „Sydney“ in Colombo ein, wo alle Verwundeten in die dortigen Hospitäler gebracht, alle übrigen Überlebenden der „Emden“-Besatzung für die Überführung nach Malta auf verschiedene Dampfer der Transportflotte verteilt wurden.

Von der während des Gefechts auf „Emden“ befindlichen Besatzung waren:
a) gefallen, ertrunken oder ihren Verwundungen nach dem Gefecht erlegen:
7 Offiziere,
1 Marine-Oberzahlmeister,
4 Deckoffiziere,
25 Unteroffiziere,
92 Mannschaften,
1 Zivilkoch,
1 Barbier,
3 Chinesen (als Waschleute an Bord),
b) schwerverwundet:
1 Deckoffizier,
3 Unteroffiziere,
17 Mannschaften,
c ) leichtverwundet:
2 Offiziere,
2 Deckoffiziere,
9 Unteroffiziere,
31 Mannschaften,
c) unverwundet:
6 Offiziere,
5 Deckoffiziere,
39 Unteroffiziere,
67 Mannschaften.
Besonders schwer waren die Verluste bei den Geschützbedienungsmannschaften und bei den Munitionsmännern gewesen.

Ich glaube es aussprechen zu dürfen, dass auch in diesem Gefecht, das leider zu der Vernichtung Eurer Majestät Kleinen Kreuzers „Emden“ geführt hat, jeder der mir unterstellten Offiziere, Deckoffiziere, Unteroffiziere und Mannschaften seine Pflicht getan hat.

Während der dreimonatigen Kreuzfahrten der „Emden“ hatten die Maschinen 10 Millionen Umdrehungen gemacht, was einer zurückgelegten Wegstrecke von 30.000 sm entspricht. Durch gute Leistungen des Maschinen- und Heizerpersonals wurden unter der sachkundigen Leitung durch Marineoberingenieur Ellerbrok, der durch Marineingenieur Stoffers für die Hauptmaschinen, Marineingenieur Andresen für die Hilfsmaschinen und Marineingenieur Haas für die Kesselanlagen wirksam unterstützt wurde, sind schwere Störungen während der Kreuzfahrten vermieden worden und leichte Störungen nur in sehr geringer Zahl aufgetreten.

Ich bitte gehorsamst, nach Rückkehr der „Emden“-Besatzung in die Heimat, sobald mir die erforderlichen Unterlagen zur Verfügung stehen werden, diejenigen Offiziere, Deckoffiziere, Unteroffiziere und Mannschaften Eurer Majestät namhaft machen zu dürfen, die sich während der Kreuzfahrten der „Emden“ und während des End-Gefechtes besonders hervorgetan haben.

[Anlage]

1.) Von der zweiten Salve traf eine nicht detonierende Granate den Entfernungs-Messapparat der vorderen Feuerleitungsstation.
2.) Gleichzeitig detonierte eine Granate bei der achteren Feuerleitungsstation und verwundete alle zu ihr gehörigen Personen, darunter einen Offizier.
3.) Eine Granate detonierte in der Nähe des Feuerbord 2. Geschützes (Feuerlee) und setzte die gesamte Bedienungsmannschaft außer Gefecht.
4.) Eine Granate streifte den oberen Rand des Feuerbord 1. Geschützes.
5.) Durch eine Granate wurde Cordite auf dem Mitteldeck entzündet.
6.) Eine Granate detonierte in „the boy’s mess desk“.
7.) Drei Treffer auf dem Gürtelpanzer.
8.) Ein Treffer auf der Back.
9.) Ein Treffer in einem Ruderboot.
10.) Ein Treffer in das Dampfrohr der auf dem Batteriedeck stehenden Eismaschine.
11.) Ein Treffer in die Kammer des I. Offiziers.
12.) Ein Treffer durch einen Ventilationsschacht auf dem Bootsdeck, etwas achterlich vom III. Geschütz.
13.) Ein Treffer in einen Munitionsschacht, wodurch brennendes Cordite in die Munitionskammer fiel, das aber durch die Geistesgegenwart eines Mannes von anderer Munition entfernt und gelöscht wurde.
14.) Ein Treffer an der Vorkante des Großmastes.
15.) Eine Abteilung soll etwas Wasser gemacht haben.