Sie sind hier:

Emden I

Chefetage

Emden II

Emden III

Emden IV

Emden V

Suchen nach:

Allgemein:

Startseite

Impressum

So vielschichtig die Geschichte Maltas auch ist, so viele gewiefte Historiker sie auf den Plan ruft, ein kriegshistorisches Faktum droht in Vergessenheit zu geraten, wird allenfalls am Rande, zudem stiefmütterlich notiert: die fünf Jahre währende Gefangenschaft der Seeleute des Kleinen Kreuzers „Emden“ in den Lagern Maltas – nebst Hunderten von internierten Deutschen und Österreichern. Die Umstände und die Personen, die diese überlange Gefangenschaft durchzustehen hatten, sind es wert, so meine ich, im Gedächtnis bewahrt zu werden. Zwar hat der eine oder andere Schriftsteller wenigstens die Fährte nach dem Offizierslager der Verdala Barracks aufgenommen, doch blieb das Mannschaftslager des Forts Salvatore in Dunkel gehüllt.

Emden-Besatzung (Lagerpostkarte, Klicken zum Vergrößern)


Ankunft auf Malta

Verdala-Tor (Aufnahme November 2007; Klicken zum Vergrößern)

Am Sonntag, dem 6. Dezember 1914, lief der englische Panzerkreuzer H.M.S. „Hampshire“, ein Schwerer Kreuzer der Devonshire-Klasse, mit den unverletzten Überlebenden der Emden-Besatzung in Maltas Grand Harbour ein. Ursprünglich war London Bestimmungsort, doch beugte sich der Kapitän der berechtigten drohenden Gefahr eines U-Boot-Angriffs. Mit den besten Wünschen verabschiedeten die „Hampshire“-Offiziere und Kapitän Grant die „Emden“-Mannen. Tragisches Geschick: Die „Hampshire“, deren Besatzung einst in Tsingtau gegen die der „Emden“ Fußball gespielt (1 : 1), war deren hartnäckigster Verfolger, doch sollte auch sie am 5. Juni 1916 das Soldatenlos ereilen. Sie lief vor der Westküste der Orkney-Inseln mit Kriegsminister Horatio Kitchener an Bord in ein Feld von Hochexplosivminen, das U-75 unter Kapitänleutnant Kurt Beitzen am 29. Mai 1916 gelegt hatte. Gerettet wurden nur 12 der 655 Besatzungsmitglieder. Kitchener war das einzige Mitglied einer Regierung, das im Ersten Weltkrieg zu Tode gekommen ist. Die Besatzung der „Emden“, die erstmals seit Kriegsbeginn wieder festen Boden unter den Füßen hatte, ward von einer Kompanie englischer Soldaten, die vor der „Hampshire“ angetreten war, in Empfang genommen. Die Offiziere wurden von den Mannschaften und Deckoffizieren getrennt und in Automobilen in das Lager Verdala Barracks verfrachtet. Die Deckoffiziere und Mannschaften, das Gepäck auf Wagen verladen, marschierten unter militärischer Bewachung, von Schaulustigen begafft und an jeder Straßenecke von Fotografen im Bild festgehalten, nach dem oberhalb der Verdala Barracks gelegenen Zeltlager St. Clement’s. Dort trafen sie nach ungefähr einer Stunde ein. Sie wurden mit überschwenglicher Begeisterung und Hurrarufen ohnegleichen empfangen. Am frühen Nachmittag wurden zehn Mann als Burschen für die Offiziere auserwählt.
Ein Korporal geleitete sie aus dem Camp in das benachbarte Offizierslager. Sie schritten durch das große Verdala-Tor aus der Zeit der Johanniter und zogen vor ihres verehrten Kommandanten, des Fregattenkapitäns Karl von Müller, Bleibe, um ihm ihre Aufwartung zu machen.

(Klicken zum Vergrößern)


Freudiger Empfang

Der Freudenempfang bei der Ankunft im St. Clement’s Camp kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß dem einen und anderen der Einzug der Emden-Mannschaften, der ersten gefangenen Soldaten, unerwünscht war. Unter den Zivilisten versteckte sich nämlich so mancher Auslandsdeutsche, der den Wehrdienst gescheut, sozialistischem Gedankengut nachhing oder etwas auf dem Kerbholz hatte. Unstimmigkeiten, Streitigkeiten zwischen den kaisertreuen Seeleuten, homogen in ihrer politischen Gesinnung, und den Zivilgefangenen blieben daher, wen wundert’s, nicht aus. Sie steigerten sich zu Raufereien und eskalierten in Schlägereien. Die Lagerverwaltung wußte sich nicht mehr anders zu helfen, als die Emden-Mannschaften zu verlegen.

(Klicken zum Vergrößern)


Umzug ins Fort Salvatore

Am 5. Januar 1915 hieß es Quartier wechseln: Mit ihrem Gepäck, mit Kisten und Kleidersäcken zogen die Emdenleute an einem sonnenüberfluteten Nachmittag im Fort Salvatore ein. Erst nach fast drei Jahren sollten sie wieder nach St. Clement’s zurückkehren.
Das Fort Salvatore war ein durch hohe Außenmauern abgeriegelter Festungsbau, Teil der fünf Kilometer messenden Cottonera oder Valperga Lines, eines halbrunden Festungsgürtels, der die Städte Vittoriosa (Birgu), Cospicua (Bormla) und Senglea (Isla) abschirmt. Die ursprüngliche Bastion San Salvatore hatte Großmeister Manoel de Vilhena (1722 – 36) in eine Festungsanlage verwandeln lassen. Diese bot Quartier für etwa 150 Mann, doch waren in ihr bereits im Jahre 1824 250 Türken, aus Anlaß des griechischen Freiheitskampfes in Gefangenschaft geraten, inhaftiert gewesen. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts hatte das Fort als Besserungsanstalt gedient, 1940/41 als Internierungslager. Heute liegt der Festungskomplex nahezu in Trümmern. Ein Angriff italienischer Bomber, der dem Großen Hafen galt, hatte um die Mittagsstunde des 25. Oktober 1941 zu einem Zufallstreffer geführt: Aus großer Höhe trafen Bomben das Fort – Depot für 600 Tonnen Kerosin. Die Explosion löste tosendes Feuer und dicke himmelhohe schwarze Rauchwolken aus, die drei Tage lang über dem Gelände hingen und noch in Sizilien zu sehen gewesen sein sollen. Selbst der Straßenasphalt fing Feuer. Zurück blieben Ruinen.

Salvatore-Tor (Aufnahme November 2006)

Ein einziges Fenster zum Hafen

Die Seeleute fanden im Fort zwei weitausladende Höfe vor, voneinander geschieden durch stockwerkshohe Kasematten, die ihre Wohnstätten bilden sollten. Die Deckoffiziere und Obermaate belegten kleine Stuben, Unteroffiziere und Mannschaften mußten sich mit Sammelschlafräumen abfinden, geräumig zwar, doch ein jeder Raum Herberge für nicht weniger als 30 Mann. Zyklopische Festungsmauern versperrten die Sicht aus dem Fort nach draußen, ausgenommen eine Front des Vorhofes, die aber nur den Blick freigab auf Wälle und in der Nähe gelegene Häuser, nicht über das Land hin. Ein Fenster der Mannschaftsräume erlaubte dagegen, den Großen Hafen zu beobachten, alle ein- und auslaufenden Kriegs- und Handelsschiffe auszumachen, auch von den Dardanellen zurückkehrende zerschossene Schiffe. Selbst die Morsesprüche der Signalstation an die Schiffe zu erschließen bereitete den Seemännern keine Schwierigkeiten, doch betrafen die Mitteilungen nur Belanglosigkeiten, zumeist Proviantbestellungen. Militärische Nachrichten waren tabuiert. Lief ein Postdampfer ein, so konnten die Gefangenen darauf bauen, am nächsten, spätestens am übernächsten Tag Grüße aus der Heimat zu empfangen, aber auch Geldsendungen, Päckchen und erstaunlicherweise Pakete jeder Größe.
Nach der bravourösen Flucht des Emden-Leutnants Erich Fikentscher und des Steiermärkers Ernst Plentl aus dem Verdala-Offizierslager (9. April 1916) überzog der Lagerkommandant die Sicherheitsmaßnahmen. Die Festungsmauer, die noch beschränkte Sicht freigegeben hatte, ward um zwei Meter erhöht, und alle Fenster wurden zugenagelt, so daß nur noch bei Sonnenschein und offenstehender Tür Licht in die Wohn- und Schlafräume fiel.

(Klicken zum Vergrößern)

Stein gewordene Einöde


In den Festungsmauern des Forts Salvatore wartete auf die Ankömmlinge die Stein gewordene Einöde, von keinem Baum, von keinem Strauch gemildert. Die Zeit, ohne Maß, stand still: Langeweile – die Männer wurden nicht zur Arbeit eingesetzt – überfiel die Seeleute und wuchs sich zu Mißmut und Melancholie, wenn nicht gar Schwermut aus. Die Reglementierung des Tagesablaufs trug das Ihre dazu bei. Das tagtägliche Bimmeln der Glocke zum Zählappell (roll-call) um 9 und 17 Uhr steigerte die Reizbarkeit, die Bitternis. Auf engem Raum zusammengepfercht, ohne je wirklich allein zu sein, dieser Anpassungsdruck mußte zwangsläufig zu Auseinandersetzungen, zu Zerwürfnissen unter den Gefangenen führen, bis sich wieder die Einsicht in das Unvermeidliche Bahn brach, bis sinnvolle Zerstreuung den Unmut beschwichtigte.
Die Postausgabe war Grund zu besonderer Freude. Große Pakete enthielten nicht nur erwünschte Lehrbücher, Kleidungsstücke und so manches Musikinstrument, sondern auch in Dosen verlötet oder in Kuchen eingebacken deutsche Zeitungen. Selbst in Zigaretten eingerollt versteckten sich Kriegsnachrichten. Bisweilen zirkulierten nicht weniger als 20 deutsche Zeitungen im Lager. Abends bei Lampenschein wurde vor versammelter Mannschaft vorgelesen, unterbrochen von so manchem „Bravo“ auf Heldenstücke der Kameraden zu Wasser und zu Lande.
Doch kurz vor Weihnachten 1915 enträtselten die Engländer das Geheimnis des Wissens ihrer Gefangenen über die Kriegslage. Verlötete Dosen waren zu öffnen, Pakete wurden gründlich durchsucht. Diese Schnüffelei schlief aber alsbald ein, und das Zeitungswesen florierte wieder.

„Cabarett Stacheldraht“


Anfang November 1915 kam es zur Gründung einer Theaterbühne. Die treibende Kraft war Bootsmannsmaat Georg Zimmer aus Bingen. Der Mann sprühte vor Eifer und Einfallsreichtum. Die Jahre der Gefangenschaft in Salvatore waren seine Welt, Bootsmannsmaat war er nur nebenbei. Sie bildeten den Resonanzboden für den poetischen und dramaturgischen Ideenschmied. Selbst 25 Jahre später gedachte er, Georg Zimmer-Emden, Fabulierer der er war, in einer den Emdenfahrern, den gefallenen wie den lebenden gewidmeten Schrift mit Wehmut der Jahre in maltesischer Gefangenschaft:

„Wie einst vor Jahren in Salvatore,
Als oft ihr mit gespanntem Ohre,
Gewartet, Neugier im Gesichte,
Was euch der „Nick“ wohl heut’ berichte.
Wie einst laßt mich in bunten Reimen
Heut’ im Poem zusammenleimen,
Mit euch zurück im Geiste fahren,
Zur Zeit von fünfundzwanzig Jahren.“


Da erwachen sie wieder zu Leben, die Genossen des „Heldenvaters“, seine Campstrategen: Gustav Kluge, Hugo Plötz, Jacob Geibel, Franz Woytakowsky, Michael Jaguttis, Otto Riegelmeyer, die „Salome“.
Spottlustig gab Zimmer seiner Theatergründung den Namen „Cabarett Stacheldraht“. Die Theaterstücke entstammten ganz überwiegend seiner Feder. Die Bühne hatten die Theaterleute am Sonntagnachmittag zur Aufführung am Abend – jeden Sonntag gab es eine Vorstellung – auf- und wieder abzubauen. Die Damenkostüme und die Herrenanzüge stellten die theaterbeflissenen Gefangenen in eigener Regie her. Als Tag der Premiere war der erste Weihnachtsfeiertag 1915 auserkoren. Doch zum Aufgalopp, gleichsam als Probestück, inszenierte Direktor Zimmer aus Anlaß des Jahrestags des Beginns der Gefangenschaft das Theaterstück „Pension Salvatore“. Dieses bestand aus einer Aneinanderreihung drolliger, launiger Vorfälle aus dem Lagerleben und endete mit einer humoristischen Ordensverleihung.

Obermaschinist Georg Leicht

(Klicken zum Vergrößern)


Den ersten Orden hing Zimmer dem Campältesten, dem Obermaschinisten Georg Leicht aus Rüstringen, mit den Worten um:

„Herr Obermaschinist Leicht
Euer Hochwohlgeboren ward uns genannt
Als Campdirektor und Platzkommandant
Sie führen die Sache mit sicherer Hand
Empfangen Sie unseren Hausorden am Band.“


Die Ernennung zum Ehrendoktor wurde Obermaschinistenmaat Paul Köster als Dank für die Unterrichtung in Mathematik zuteil. Obermaschinistenmaat Hugo Plötz empfing für seine Lehrtätigkeit in Sport und Stenographie den Sankt-Salvatore-Stern, Maschinistenmaat Harry Hellwege aus Mahlstedt-Bremervörde wurde als Meister des Gesangs ausgezeichnet, der Zimmermannsmaat Franz Woytakowsky aus Wilhelmshaven als Lehrer für Englisch. Den Großkreuz-Orden verdankte Bootmannsmaat Hermann Goltz, der fließend japanisch sprach, seinem Bemühen um Kunst und Musik. Die Erhebung in den Grafenstand galt aber nicht den 15 Ordensträgern, sondern denen, die sich um das Camptheater verdient gemacht hatten, doch schloß das eine das andere nicht aus.

Weihnachten 1915


Als 1915 Weihnachten in Salvatore vor der Türe stand, wurde der Mangel eines Tannenbaumes – in Malta gibt es keine solchen Bäume – schmerzlich empfunden. Doch pfiffige Hände beschafften einen langen Besenstiel, und dünne Holzstäbchen markierten Äste und Ästchen. Aus einer aufgeknüpften Hängematte wurden kurze Stücke geschnitten, um in Tannennadeln verwandelt und an die kleinen Zweige gebunden zu werden. Mit grüner Farbe bespritzt, mit Kugeln und Lametta, aus Zigarettensilberpapier fabriziert, mit Nüssen und Sternen behängt, entstand die Imitation, die Illusion eines Weihnachtsbaumes. Ein Glückspilz, wem von lieber Hand ein kleines echtes Tannenbäumchen aus der Heimat zugesandt. Im Speisesaal, dem geräumigsten Saal, zugleich Wohnstätte, fanden sich am Morgen des Heiligen Abend auf einem mit Lorbeergrün ausgeschlagenen weißgedeckten Tisch die Liebesgaben, Geschenke, bereit zur Verlosung. Die Kojen schmückten bunte Papierketten und kleine Transparente mit Leuchtfeuer oder Segelschiffen oder gar einem Abbild der Emden. Ein zwei Meter langes Transparent in einem Mannschaftsraum zeigte die Emden bei Nacht, behütet von zwei Schutzengeln in aufgehender Sonne und glorifiziert mit den Worten „Durch Nacht zum Licht“, doch die Schutzengel versagten – das Transparent brannte am Abend ab.
Am Nachmittag um 2 Uhr erschien, wie angekündigt, Kommandant von Müller in Begleitung der Emden-Offiziere, des Lagerkommandanten und zweier englischer Offiziere. Von Müller schritt die Front seiner in weißem Anzug angetretenen Mannen ab.

(Lagerpostkarte)


Danach hielt ein englischer Pastor in deutscher Sprache eine kirchliche Weihnachtsandacht. Die Offiziere besichtigten die ihnen erstmals zugänglich gemachten Räume und suchten das vertrauliche Gespräch mit ihren Seeleuten. Da entgegen jeder Erwartung zu Weihnachten keine Pakete eingetroffen waren, reklamierten die Gefangenen. Sie brachten die Zensurstelle auf Trab: Und siehe da! Nach einer halben Stunde standen sechs große Postsäcke mit Paketen zur Verteilung bereit. Nach dem Abendbrot verließen die Offiziere das Lager, dessen Insassen sich gemütlich zusammensetzten – bis 23 Uhr.
Mit der Weihnachtsandacht war ein Anfang gemacht. Jeden Sonntag zelebrierte der englische Pastor hinfort einen protestantischen Gottesdienst. Zumindest an kirchlichen Festtagen wie Pfingsten feierten auch die Katholiken eine Messe.

Das neue Jahr begrüßt


Als das Neue Jahr anbrach, ging von den im Großen Hafen liegenden Schiffen ein ohrenbetäubender Lärm aus: Die Dampfsirenen heulten über eine Viertelstunde. Die 130 Seeleute, die sich auf dem Hof eingefunden hatten, zogen „Prost Neujahr“ rufend im Gänsemarsch durch alle Räume, um danach im Hof im Kreis marschierend „Die Wacht am Rhein“ und „Deutschland, Deutschland über alles“ anzustimmen. Als Siegesfeuer verbrannten sie alle Fackeln und Lichter, doch an eine Rückkehr im neuen Jahr glaubten sie insgeheim nicht.

Ostern 1916


Zu Ostern 1916 kam es zur Veranstaltung eines Sportfestes. Im Vordergrund standen Schlag- und Fußballspiele, unterbrochen von Einzeldisziplinen wie Weit- und Hochsprung, Stafettenlauf und Belustigungen wie Sackhüpfen und Schubkarrenschieben. Vorher gesammelte Preise – ein jeder trug sein Scherflein bei – wurden am Abend im Speisesaal verteilt. Kommandant von Müller, der nicht zu Besuch gekommen war, hatte einem jeden einen Shilling geschenkt.

Fluchtpläne


Durch eine deutsche Zeitung erhielten die Gefangenen Nachricht vom geglückten Ausbruch des Leutnants Fikentscher. Dieser sei zusammen mit einem Kaufmann aus Ägypten in Sizilien gelandet und von einer italienischen Behörde festgenommen worden. Die Männer mutmaßten irrtümlich, die Ausbrecher hätten im Verdala-Lager arbeitende Malteser um eines Segelboots willen bestochen. Als Kommandant von Müller, dem der Gouverneur eine monatliche Besuchserlaubnis erteilt hatte, im April nach Salvatore kam, ging auch er – verständlicherweise – nicht näher auf die Umstände des Ausbruchs ein. Doch die Flucht sollte Schule machen, die Gefangenen Fluchtpläne schmieden lassen. Aber das Unternehmen „Die Flucht durchs Bullauge“ schlug fehl, mußte fehlschlagen: Einem vergitterten Fenster in einem Mannschaftsraum – die Stangen waren ein Einmarkstück stark – war eine Sandsteinmauer, einen halben Meter dick, vorgelagert. So rasch diese Sandsteinbarriere auch durchbrochen und provisorisch durch eine Holzkiste „verfugt“ war, die eiserne Stange – es hätte genügt, eine einzige zu durchschneiden – war erst zu einem Drittel durchgesägt, als die Entdeckung nahte. Ein maltesischer Posten, der gegenüber dem Fenster Wache schob, hatte die Engländer wachgerüttelt. Daß diese das Lager nach Feilen, Hämmern und anderem Werkzeug durchsuchten, versteht sich, ebenso, daß sie das Fenster dichtmachten.

Nicht nur Harmonie


Wer da meint, zwischen Unteroffizieren und Mannschaften habe eitel Harmonie geherrscht, irrt. Auch in der Kriegsgefangenschaft blieben die Rangunterschiede gewahrt und waren Ursache für so manches Zerwürfnis. Grund zu Zwistigkeiten sollte die zeitliche Lage der Sportstunde liefern. Diese war für die Unteroffiziere auf 8 bis 9 Uhr, für die Mannschaften auf 9 bis 10 Uhr festgelegt, am Nachmittag für die Unteroffiziere auf 3 bis 4 Uhr, für die Mannschaften auf 4 bis 5 Uhr. Diese Zeiteinteilung, so sinnvoll sie im Winterhalbjahr auch war, im Sommer lag auf Malta die Hitze der glühenden nordafrikanischen Sonne, die 1916 einen Höchstwert von 47° Celsius erreichte. Wer wollte da schweißgebadet Sport treiben. Für eine sportliche Betätigung blieb begreiflicherweise nur noch der Abend, doch reklamierten Unteroffiziere wie Mannschaften die Abendstunde für sich. Obermaschinist Leicht als Campältester sah sich gezwungen, zwei Kommissionen zu berufen, bestehend aus je vier Mann, um den Streit beizulegen. Ergebnis der Schlichtung: Der als Sportplatz dienende Hinterhof blieb am Abend des einen Tages den Unteroffizieren vorbehalten, am anderen den Mannschaften.
Mißhelligkeiten sollten sich aber auf anderem Terrain fortsetzen: Ende Oktober 1916 feierte das Theater „Cabarett Stacheldraht“, dessen letzte Aufführung an des Kaisers Geburtstag (27. Januar 1916) stattgefunden, entgegen aller Erwartung Wiederauferstehung. Um die gleiche Zeit hatten die Unteroffiziere Vortragsabende inszeniert, bei denen Geschichte und Literatur im Mittelpunkt standen. Die Mannschaften, begierig zuzuhören, stießen auf Ablehnung. Sie beantworteten darob das „Nein“ mit Sperrung ihrer Räume für Theateraufführungen. Die mühsame Einigung bestand darin, daß die Vorträge auch vor den Mannschaften zu halten waren und daß alle zwei Wochen am Freitag Theater gespielt wurde.

Logarithmentafeln von Hand geschrieben


Der Bildungshunger, schirmende Waffe gegen die Langeweile, verlegte sich zu einem Gutteil auf die Rechenkunst. Mathematikunterricht ohne Lehrbücher blieb aber ein schwieriges Unterfangen. Glücklicherweise besaß ein Matrose einen Schatz, eine Logarithmentafel. Ein anderer mit guter Aussprache las darob die 100 000 Zahlen vor – Zeit hatte man ja im Überfluß –, und 30 Mann notierten Zahl für Zahl. Des Schicksals Ironie: Als nach sechs Wochen das Werk vollendet war, trafen mit der ersten Post aus der Heimat die bestellten Bücher mit Logarithmentafeln ein.

(Klicken zum Vergrößern; Repro: L. Aumüller)


Theater wird wiedereröffnet

Die Wiedereröffnung des Theaters war alleiniges Verdienst Georg Zimmers. Er war ein Teufelskerl. Mit der Mandoline im Arm gab er, auf dem Kojenrand sitzend, seinen Kameraden stundenlang Querschnitte aus Opern und Operetten zum Besten, doch zu seiner ordentlichen Tenorstimme fehlte die Tenorfigur. Dafür paßte zu ihm um so besser die Rolle des Schmierendirektors in „Der Raub der Sabinerinnen“. „Wenn Männer Geschichte machen, so hat unser Nick auf den wackeligen Bühnenbrettern Maltas erfreuliche Geschichten gemacht“ (Otto Riegelmeyer). Freitag, der 13. November 1916, war als Tag für die Galavorstellung des Possentheaters ausersehen. Ein besonderer Ansporn für die Schauspieler bildete der Besuch ihrer Offiziere aus Verdala. Georg Zimmer eröffnete die Abendvorstellung mit seinen mit wechselnden Melodien untermalten launischen „Stacheldrahttelegrammen“, Reimen, die bevorzugt Englands Kriegsführung aufs Korn nahmen. Zur Aufführung kamen ein Kriegsspiel „Der Landsturm kommt“ und eine Burleske „Künstlerkniffe“, überbrückt von humoristisch-parodisierenden Einlagen und Gesangsszenen. Doch entreißen wir, um nicht nur Licht auf Direktor Zimmer zu werfen, die Namen der Darsteller, soweit bekannt, der Vergessenheit: Fritz Kelle, Obersignalgast aus Porta Westfalica, Hans Lindner, Signalgast aus Hamburg, Maschinistenmaat Otto Riegelmeyer, Julius Granzow, Obermatrose aus Danzig, der kriegsfreiwillige Heizer Lakay und Heizer Ewald Gonscherowski aus Bielefeld.

Campzeitung "Für Kaltgestellte"

Der 1. Juli 1916 war der Tag der Erstausgabe einer Campzeitung unter dem Titel „Für Kaltgestellte“. Sie sollte zum Preis von 1 Cent 14täglich erscheinen. Die Redakteure waren, wen wundert’s, Georg Zimmer und der Berliner Otto Riegelmeyer. Den Rang der „Camp-Nachrichten“ aus dem Offizierslager Verdala konnte die Zeitung aber nicht erreichen – in Ermangelung begnadeter Portraitisten und Karikaturisten.

(Klicken zum Vergrößern)


Die Emden-Kapelle

(Klicken zum Vergrößern)

Konkurrierend mit dem Theater sollte die Emden-Kapelle Ruhm ernten. Zu ihrer Gründung bedurfte es der Notenbücher und der Musikinstrumente: Die Wunschzettel der Gefangenen erwiesen sich aber nicht als vergebliche Schreibübung. Nicht nur nahe Angehörige, sondern auch so manche Verehrerin ließen es sich nehmen, die musikbeflissenen Seeleute gehörig „auszustaffieren“. Selbst ein Inserat in einer deutschen Zeitung blieb nicht ohne Resonanz. Das Sortiment der Instrumente, zunächst aus Trompete, Piston, Tenorhorn, Tuba und Kornett bestehend, sollte sich rasch erweitern um Pauke und Flöte, um Baßgeige und Trommel, um Triangel und Kastagnetten. Und die sechsköpfige Kapelle wuchs sich zu einem 30 Mann starken Orchester aus, das bevorzugt Märsche und Walzer auf dem Spielplan hatte und das vor allem den christlichen Festtagen und den Geburtstagen des Kaisers und der Kaiserin Weihe und Würde gab, das sich aber auch jeden Sonntagmorgen zu einem Platzkonzert versammelte. Begeistert lauschte die maltesische Bevölkerung den aus den Festungsmauern dringenden Walzerpotpourris und Flötensoli. Kapellmeister war Oberhoboistenmaat Otto Wecke. Auffallend, daß zu den Gründungsmitgliedern mit Hans Lindner und Julius Granzow zwei Männer gehörten, die sich schon als Schauspieler um Kurzweil im Lagerleben verdient gemacht hatten.

Osterkarte 1917 - Klicken zum Vergrößern


von Müller nach England verschleppt

Als am 7. Oktober 1916 Kommandant Karl von Müller, weil er sich zu vehement für die Belange der Gefangenen eingesetzt hatte, unter einem Täuschungsmanöver in ein Offizierslager nach England verschleppt wurde, trat Oberleutnant Robert Witthoeft, I. Torpedo- und Wachoffizier, an dessen Stelle. Witthoeft, der aus Erfurt stammte, führte von da an die Delegation der Offiziere bei ihren Besuchen in Salvatore an und schritt erstmals zu der Kaiserin Geburtstag (22. Oktober 1916) die Front ab, ein Tag, an dem Konzert und Sport Trumpf waren.

Tore öffnen sich

Ende Oktober öffnete sich erstmals das Tor des Festungsbaus, Abwechslung verheißend. Jeden Tag durften 20 Mann, 10 morgens um 7 Uhr, 10 mittags um 2 Uhr zusammen mit annähernd 100 Zivilgefangenen aus den Verdala Barracks unter Bewachung von 25 Soldaten und einem Offizier zu Pferde das Fort zu einem Spaziergang über Land verlassen. Dörfer wurden gemieden. Niemand aus der Bevölkerung durfte angesprochen, kein Haus und kein Laden durfte, zu welchem Zweck auch immer, betreten werden. Briefe oder Päckchen durften weder jemandem übergeben, noch von jemandem empfangen werden. Ein solcher Spaziergang über Stock und Stein währte ungefähr zwei Stunden. Er bot den Seeleuten erstmals wieder den Anblick weiblicher Wesen.

Der flüchtige Eindruck, die Gefangenschaft in Salvatore habe sich einem Sanatoriumsaufenthalt genähert, trügt aber gewaltig. Mit der verstreichenden Zeit wuchs die Qual der Unfreiheit und die Reizbarkeit der Seeleute untereinander, zumal auch die Kriegsnachrichten, so verheißungsvoll sie zu Beginn waren, die Siegshoffnungen zu trüben begannen.

Auffallend, daß gerade in Malta Krankenhausaufenthalte gefürchtet waren, war doch zu Zeiten der Johanniter die Sacra Infermeria in Valletta, deren Hauptfassade fast 200 m maß, als vorbildlichstes Krankenhaus Europas in aller Munde. Der Pechvogel, dem die Unbill widerfuhr, das Fort Salvatore gegen das Cottonera-Hospital tauschen zu müssen, trachtete danach, so er nicht schwer erkrankt war, diesen „Wohnungswechsel“ rasch zu beenden – ob der bescheidenen medizinischen Betreuung, vor allem aber ob dem Mangel an Reinlichkeit. Selbst der Prinz von Hohenzollern stieß in dasselbe Horn, prangerte die schlechten hygienischen und sanitären Verhältnisse im Cottonera-Hospital an, obwohl er sich persönlich als Leutnant zur See, mehr wohl noch als Adliger, bei seinem Aufenthalt in diesem Krankenhaus – er belegte ein Einzelzimmer – nicht zu beklagen hatte.

Im Großen und Ganzen ist aber festzuhalten, daß die Kriegsgefangenschaft in Salvatore aus heutiger Sicht durchaus erträglich war, auch wenn so mancher, der vergeblich auf Geld aus der Heimat gehofft, sich des Abends mit trockenem Brot abzufinden hatte. Daß sich auch der eine oder andere des Wachpersonals mitunter zu Schikanen verstieg, war zwar ein Ärgernis und Grund zu Unmut, blieb aber die Ausnahme.

(Klicken zum Vergrößern)


Rückverlegung

Mit der Rückverlegung in das St. Clement’s Camp – drei Jahre waren verstrichen – gehörten die räumliche Enge, die bitter empfundene Bewegungsarmut, der Anblick der immer gleichen Gesichter der Vergangenheit an. Die Unterbringung in Spitzzelten von vier Metern im Durchmesser – je drei Mann teilten sich ein Zelt – war allerdings keine wohnliche, keine wohlige Wohnstätte. Komfort ein Fremdwort! Gezänk im Zelt fast eine Zwangsläufigkeit! Überdies ließen Regenfälle in den Wintermonaten – Malta ist ob seiner sintflutartigen Sturzbäche bekannt – die mit Matratzen ausgelegten Zelte bisweilen fußhoch unter Wasser stehen.

Zeltlager St. Clement's (Lagerpostkarte)


Sprachen und Sport

Wissenschaftliche Hörerkurse lockten ebenso wie die Unterweisung in den schönen Künsten. Lehrvorträge in allen Zweigen der Technik, in Navigation, in Physik und Chemie, aber auch in Literatur fanden eine wißbegierige Zuhörerschaft. Vor allem aber die Chance, fremde Sprachen zu erlernen, wurde bereitwillig aufgegriffen. Englisch sprach ohnehin jeder zweite. Die Palette reichte von Französisch, Italienisch, Spanisch bis hin zu Arabisch, Serbisch, Persisch, vermengt mit so manchen Dialekten. Die Emden-Leute wurden „international“. Schon bald waren sie eines Kauderwelschs in jeder Sprache mächtig. So mancher konnte im Nachhinein seine Sprachkenntnisse lohnend an den Mann oder, besser noch, an die Frau bringen.

An vorderster Stelle standen aber die vielseitigen Möglichkeiten sportlicher Wettkämpfe, hatten sich doch in St. Clement’s nicht weniger als zehn Fußballmannschaften gebildet. Und Gesangsvereine blühten auf, platzten, wurden neu gegründet, als funkelnagelneue oder aus Teilen gescheiterter. Sie taten das ihre, Bitterkeit zu überbrücken, zu vertreiben, allen voran das Ensemble „Malta-Geflüster“, das Applaus ohnegleichen erntete und Konkurrenzneid weckte.

Zentralgebäude St. Clement’s mit Theater- und Versammlungsraum (nahezu unverändert, aufgenommen im November 2007)


Episoden am Rande

Zwei Episoden am Rande:

Beim Einzug ins Camp lief den Seeleuten ein Hund zu, ein zweiter, bis ein Rudel von Vierbeinern, woher auch immer, sein festes Herrchen gesucht und gefunden. Doch parierte ein Hund nicht aufs Wort, so gab es eben einen Hund weniger. „Bei Fuß“ war das erste deutsche Wort, das die im Lager eingesetzten Malteser lernten.

Den Höhepunkt des Unmuts unter den „stacheldrahtkranken“ Kriegsgefangenen löste Obermaschinistenmaat Martin Leucht aus. Aus Bosheit sang er 123mal das Sperlingslied:
„1. Der Sperling fliegt ums Dach herum und um den Blitzableiter.
Und wenn er nicht mehr weiter kann, setzt er sich auf die Leiter.
Und hat er sich dann ausgeruht, dann fliegt er wieder weiter.
2. Dann fliegt er um das Dach herum und .....“
(nach der Weise „O Tannenbaum“)
Ein Heiliger, wer da nicht in Harnisch gerät, nicht rabiat wird.

(Klicken zum Vergrößern)


Kapitulation und Heimkehr

Niederschmetternd wirkte auf die Emden-Fahrer die nicht für möglich gehaltene Kapitulation Deutschlands am 11. November 1918. Als selbst mit dem Friedensvertrag von Versailles (28. Juni 1919) nicht die Repatriierung einsetzte, wuchs sich die Verbitterung der Gefangenen zu Hungerstreik und verabredungsgemäß zu in allen Lagern um Mitternacht ausbrechendem Höllenlärm aus. Mit Trommeln auf Blechtöpfen und Eimern, mit markerschütterndem Geschrei und dem dem Wachpersonal unverständlichen Schlachtruf „Hütt – Hütt“ ward die maltesische Bevölkerung um den Schlaf gebracht.

Der Riesenspektakel zeitigte aber wenig Wirkung. Erst am 6. Dezember 1919 – man erinnere sich an den 6. Dezember 1914, da die Emden-Mannschaften in Valletta an Land gegangen – brach für das Gros der Kriegsgefangenen, die anders als Offiziere nicht die Mittel für die Passage hatten aufbringen können, der heißersehnte Tag der Heimkehr an. Ein 5000-Tonnen-Dampfer des österreichischen Lloyds – Transportführer war Emden-Oberleutnant Witthoeft – nahm 1200 Gefangene an Bord. Zum letzten Male schmetterte die Emden-Kapelle ihre Märsche. Gegen Abend legte der Dampfer von Valletta Richtung Venedig ab. Bei dem überwältigenden Empfang in Rosenheim verlieh Kapitän von Müller, inzwischen mit dem Pour le mérite ausgezeichnet, jedem seiner Getreuen das hochbegehrte Eiserne Kreuz.

Wolfgang Juncker



Wesentliche Quellen:



(Bilder z.T. nachträglich bearbeitet bzw. koloriert)



Unter den gefangenen Emden-Fahrern befand sich auch der Maschinist Josef Schmidt aus Langhecke.