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Von Wolfgang Günther - Mit Vor- und Nachwort von Fritz Ziegenbalg. Fritz Ziegenbalg ist Mitglied des Festungsvereins Königstein. Das hier Geschilderte findet sich auch in einem der Mitteilungsblätter des Festungsvereins.

Wolfgang Günther, der Enkel eines ehemaligen Gastwirts der "Neuen Schenke" bei der Festung Königstein, ist Heimatfreund und Sammler historischer Unterlagen. Es bereitete ihm viel Freude, auf seinem Boden eine alte Kiste zu entdecken, in welcher sein Vater alte Erinnerungstücke aufbewahrt hatte. Unter anderem gab es auch Bilder und Schriftstücke zu einem spektakulären Ereignis im 1. Weltkrieg, zu dem die Bewohner der „Neuen Schenke“ Augenzeugen wurden, auszuwerten. Um den Bezug zur Festungsgeschichte herzustellen, werfen wir zuerst einen Blick in die Festungschronik und zitieren:

Verwahrloste Männer“ begehren Einlass auf der „Festung Königstein“
„Am 4. 6. 1915 treffen hier einige verwahrloste Männer ein und begehren Einlass auf der Festung. Dieser wird ihnen natürlicherweise verweigert, da sie nicht angeben wollen wer sie sind. Schließlich stellt es sich heraus, dass sie die übrig gebliebenen Mannschaften von S. M. S. Emden sind, die von ihrem Kapitänteutnant v. Mücke den Befehl erhalten haben, sich auf der Festung Königstein, der 1. deutschen Festung, zu melden. Sie kommen in kleinen Gruppen von Konstantinopel mit falschen Pässen (als Schneider, Schuhmacher usw.) und sollen unterwegs bis zum Eintreffen der letzten Gruppe unter v. Mücke selbst (3 Tage später) unter keinen Umständen angeben, wer sie sind, damit die letzten Gruppen nicht in Gefahr kommen, interniert zu werden. Sie kommen über Rumänien und Bulgarien. Vorläufig werden sie in der neuen Schänke untergebracht. Nach Eintreffen der Uniformen, die durch Kurier hierher geschickt werden, werden sie nach Wilhelmshaven in Marsch gesetzt.

Ihre Namen sind:
Erich Schwaneberger (Ober-Maschinisten-Maat)
Friedrich Pinkert (Bootsmaat)
Paul Rossbach (Maschinistenmaat)
Walter Hoff (Obersignalgast)
Walter Münch (Oberheizer)
Albert Dorf (Matrose)
Bernhard Becker (Heizer)
Georg Hilbers (Telegraphist)
Willi Stuge (Matrose)
Erich (Kirchbach)
F. Krause
A. Wadephul (Matrose) und
Erich Michaelis (Bootsmaat), der wegen Ruhr ins Lazarett nach Dresden überführt wird."

Der Aufenthalt in der Neuen Schänke bei Familie Günther muss nach den vielen Strapazen sehr angenehm für die Matrosen gewesen sein. Hören wir also, was Wolfgang Günther dazu berichtet:

"Matrosen in der Neuen Schenke
Beim Kramen auf dem Boden fand ich eine Kiste mit vielen Dokumenten und Belegen, die mein Vater aufgehoben hatte. Er sammelte alles akribisch und so kann ich einiges zu verschiedenen Themen aneinanderreihen. Bei mir als Außenstehender kann dies aber nur Stückwerk bleiben, zeigt aber im speziellen Fall, dass sich im Krieg Ruhm und Ehre sowie Tragik und Tod die Hand geben. Zum besseren Verständnis kann ich, ohne besondere Kenntnisse und Nachschlagewerke zu besitzen, nur kurz etwas zur Vorgeschichte andeuten. Am Anfang des 1. Weltkrieges befand sich der Kreuzer S.M.S. Emden in asiatischen Gewässern. Er richtete dort beträchtlichen Schaden an, bevor er sein Ende fand. Vor dem letzten Gefecht verblieb die Mannschaft des Landungszuges unter Führung des Kapitänleutnants v. Mücke auf der Insel Keeling. Von dort fuhren sie mit dem Segelschiff Ayesha, und nach Versenkung desselben mit dem kleinen deutschen Motorschiff Choising nach Hodeida im Jemen. Mit zwei einheimischen Booten wurde Dschidda angesteuert. Der Verlust eines Bootes und die Blockade des Ortes durch englische Schiffe, zwang sie mittels einer Karawane von 110 Kamelen Dschidda auf dem Landweg zu erreichen. Vom 1. bis zum 3. April kämpften sie in der Wüste gegen eine arabische Übermacht. Wasser- und Munitionsmangel schufen eine prekäre Situation, die erst durch eine Hilfstruppe des Emirs von Mekka gelöst wurde. Von Dschidda aus erreichten sie schließlich mittels Booten und Fußmarsch nach insgesamt sieben Monaten, die Bahnstation El Ulah. Ein Zeitungsartikel vom 21. Mai 1915 aus Konstantinopel (Istanbul) berichtet, dass 49 Marineangehörige dort eintrafen. Nach dem Erreichen heimatlicher Gefilde, ist für uns von besonderem Interesse, der mehrtägige Aufenthalt einiger Matrosen in der Neuen Schenke.

Am 5. Juni 1915 schrieb meine Großmutter an ihren Sohn Johannes, der in Dresden bei der Firma Nossak & Baldamus angestellt war, einen Brief folgenden Inhalts:

Lieber Hans!

Teile Dir in aller Eile mit, dass gestern Abend bei uns 8 Mann von der Emden angekommen sind. Sie wohnen bei uns. Sie sammeln hier, bis alle zusammen sind. Willst Du morgen kommen? Mach wie Du willst, Du könntest Dir da die Unterschriften gehen lassen, von den Emdenleuten.
Die Schützen waren gestern Abend unten, die gesamte Kompagnie mit Musik.
Sprich aber gegen niemanden in Dresden davon, es soll geheim bleiben....

Mein Vater ist sofort nach Hause gefahren, denn einen Tag später befindet sich auf einer Karte der Vermerk: „Zur Erinnerung an den Ausflug nach dem Pfaffenstein." Unterschrieben von E. Schwaneberger und Johannes Günther. Mit dem Ober-Maschinistenmaat entwickelte sich in der Folge zumindest eine Brieffreundschaft. Eine Karte vom 13.6. von 13 Matrosen unter-schrieben, gibt das Fahrtziel Wilhelmshaven an. Der Aufenthalt bei meinen Grosseltern betrug somit ca. 8 Tage.

Es muss ihnen gefallen haben, denn auf jeder weiteren Zuschrift an meinen Vater werden auch immer die lieben Angehörigen gegrüßt.

Auf einer Karte vom 29.7. desselben Jahres, erwähnt Erich Schwaneberger, dass er sich mit einigen Leuten der EMDEN treffen will.
Absender: Wilhelmshaven S. M. S. „LEIPZIG“. (Hulk)
Die nächste Karte vom 22. 8. kommt auch aus Wilhelmshaven, jetzt aber von der Werftdivision. Er schreibt, dass er in den letzten Wochen sehr wenig Zeit hatte, da er an einem Kursus mit Examen teilnimmt.
Die letzte mir bekannte Nachricht von E. Schwaneberger ist datiert vom 10. März 1918. Ab gesandt von S. M. S. Wiesbaden. Auf ihr ist sinnigerweise ein Gedicht mit der Überschrift „Der letzte Gruß".

Ein Brief meines Vaters an den Ober-Masch.Maat war noch geschlossen. Auf dem Brief ein Stempel mit dem Wort "ZURÜCK". Darunter der handschriftliche Vermerk "Adressat vermisst".
Im Brief befand sich eine Karte mit folgendem Wortlaut:

Dresden 2.6.16
Sehr geehrter Herr Obermaat!
Ich habe Ihre letzte Karte erhalten und sage Ihnen dafür meinen besten Dank. Soeben wird der große Seesieg bekannt und auch der heldenmütige Untergang der S.M.S. Wiesbaden und nun hoffe ich, dass Sie diese Karte erreichen wird.
Mit besten Glückwünschen Ihr Joh. Günther

Auf der Karte befand sich ein Gedicht mit der Überschrift "Der letzte Mann". Gewissheit habe ich nicht, doch ist es sehr wahrscheinlich, dass E. Schwaneberger beim Untergang des Schiffes sein kühles Grab gefunden hat. Krieg ist immer grausam und nimmt auch keine Rücksicht auf Helden.

Ich weiß nicht, ob dieses Erlebnis eine nachhaltige Wirkung auf meinen Vater hatte. Bei seiner Einberufung kam oder meldete er sich jedenfalls zu den Matrosen, wo er u. a. auch bei der Werftdivision in Wilhelmshaven eine Ausbildung erhielt."

Hier enden die Ausführungen Wolfgang Günthers zu seinen Entdeckungen. Mich beschäftigten sie jedoch noch eine ganze Zeit.

Weiterführende Links

Der Landungszug
Verbleib von Teilnehmern des Landungszuges