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Horst Frind im Frühjahr 1945

Bordkommando auf dem Leichten Kreuzer „Emden“ 1945

(Aus dem Tagebuch von Horst Frind)

Horst Frind schickte uns dankenswerterweise seine privaten Aufzeichnungen aus seiner Zeit auf der EMDEN III. Die Aufzeichnungen beginnen am 8. Februar 1945, sie werden hier so gut wie unverändert wiedergegeben.

Einleitung
Die „Emden“ war 1944 zur Grundüberholung auf die Schichau-Werft in Königsberg gekommen. dort waren die Maschinen ausgebaut, als im Januar 1945 der Großangriff der Russen begann. Am 13. Januar wurde befohlen: Sofort seeklar machen! In der Nacht zum 25. Januar wurden die Särge des Feldmarschalls von Hindenburg und seiner Frau unter militärischen Ehren an Bord gebracht. Das Schiff wurde nach Pillau geschleppt und dort eine Maschinenanlage mit Bordmitteln klar gemacht. Mit einer Welle fahrend lief das Schiff am 6. Februar in Kiel ein. Dort begannen schleppende Reparaturen bei den Deutschen Werken. (Gerhard Koop "Emden. Eine Name - fünf Schiffe" München 1983).

Auf die EMDEN
Bei der Mittagsmusterung der 3. Kompanie der 2. Schiffsstammabteilung im Mützelburglager / Mürwik am 8. Februar befiehlt der neue Spieß „Die Emdenfahrer vortreten!“ Wir müssen packen. Am Tag darauf leite ich ein Dreimann-Arbeitskommando. Wir fahren die Seesäcke auf LKWs zum Bahnhof, laden ab und stolzieren mit dem fünfzackigen goldenen Stern auf dem linken Oberarm, dem Zeichen des Lehrgang-Endes, durch Flensburg.
In Kiel treffen wir in völliger Dunkelheit ein. Die Bahnsteige sind voller Landser, die aus rauen Kehlen singen. Zweimal schleppen wir die Seesäcke vergebens an Häuserruinen vorbei zur Fähre. Dann lassen wir sie unter Bewachung im Bahnhof zurück und marschieren eine Stunde ums Hafenbecken herum. Aus halbzerstörten, verdunkelten Fabrikhallen dringt das Dröhnen von Maschinen.
An einer Pier der Deutschen Werke tauchen im Dunkel die Aufbauten der „Emden“ auf. Lautstark feiert im Wohndeck die 1. seemännische Division Abschied mit Schifferklavier und Gegröhl: „Barcelona!“. Betrunkene hängen über die Reling. Im Steuerbord-Ing-Wohnraum schlafen wir auf Matratzen. Wir hören, dass die Besatzung in Pillau in einer Woche Tag- und Nachtarbeit eine Maschine wieder eingebaut hatte. Teile der anderen Maschine wurden an Bord gebracht. Bei der Fahrt nach Kiel war das Schiff voll mit Flüchtlingen.

Das Leben an Bord
Am 10. Februar werden wir zu 90 Mann im Steuerbord-Großen-Wohnraum untergebracht: ein winziger Spind für die Sachen, eine Stelle zum Zurren der Hängematte, einen Platz an der Back (Tisch), die zum Essen mit den Banken von der Decke heruntergeklappt werden muss. Einmal bekomme ich dabei die Back auf den Kopf und gehe vorübergehend zu Boden. Es bleibt kaum ein Fleck zum Bewegen.
Die ersten Tage herrscht beim abendlichen Hängemattenspannen und beim morgendlichen Zurren ein grausliches Durcheinander. Die Untersten schlafen an Deck, die Mittleren wie ich hängen an den Standern, die abendlich in halber Höhe gespannt werden, die Oberen hängen an Stangen an der Decke. Die abgelegte Kleidung liegt auf den Beinen. Alles muss schnell gehen, und der Unteroffizier vom Dienst (UvD) trägt mit Geschrei zusätzlich zur Verwirrung bei.

Ich gehöre zur 1. Division unter dem Divisionsoffizier (DO) Kapitänleutnant Dau und zum 4. Zug unter dem Zugoffizier (ZO) Ltn. Blume. Mein Gruppenführer ist Bootsmaat Wittosek, ein Oberschlesier. Wir sind 15 Matrosen: Brost, Cloppenburg, Fischer, Frind, Gronewold, Junge, Kramer, Lange, Menze, Mlody, Örtel, Skoda, Süberkrüp, Zenker, Zetsche

Unsere erste Arbeit ist der Transport der gelben Rettungsflöße vom Oberdeck auf die Pier. Es ist kalt und das Tauwerk nass. Die ersten Unterrichtsthemen lauten: Vorgesetzte an Bord, Schiffskunde, Dienst an Bord. Nach einigen Tagen treten wir in 1. Garnitur zur Kommandantenmusterung durch Kapitän zur See Kähler, dem ehemaligen 1. Artillerieoffizier der „Scharnhorst“, auf der Pier an.

Der tägliche Dienst beginnt wie folgt:

5.55 Uhr Pfiff: „Legt die Socken klar!“ oder „Noch ein Glockenschlag!“
6.00 Uhr Pfiff: „Reise, reise, aufstehen!“ mit keineswegs stubenreinen Sprüchen. Die Morgenwäsche findet an Oberdeck mit Seewasser statt, das mit einem Dampfschlauch etwas erwärmt werden kann.
6.05 Uhr Pfiff: „Überall zurrt Hängematten“!
6.10 Uhr „In Sportzeug mit gezurrter Hängematte auf der Pier antreten“. Etwa eine Viertelstunde traben wir durch das Werftgelände. Einmal wird im Wohnraum geboxt.
6.30 Uhr Pfiff: „Backen und Banken“. Die Backschafter (Essenholer) holen Milchsuppe. Wir essen in Eile, damit wir die von den Backschaftern herangeholten Kartoffeln noch schälen können und Zeit fürs Aufklaren und Klarmachen zum Dienst verbleibt. Die Backschafter kommen dabei kaum zum Essen. Die geschälten Kartoffeln kommen in Netze mit der Gruppennummer. Je mehr geschält wurde, umso mehr kann gegessen werden.
7.00 Uhr Piff: „Pfeifen und Lunten aus!“
7.10 Uhr Zug-Musterung auf der Back oder auf der Pier


Bei der Mittagsmusterung geben der Divisionsoffizier und der Divisions-Feldwebel Befehle und Neuigkeiten bekannt. Auf „Meldung und Gesuche vortreten!“ müssen auch kleine Vergehen gemeldet werden. Ein nicht abgeschlossener Spind bringt drei Tage Bau (Arrest). Aus Platzmangel müssen schließlich die drei Arrestzellen durch ein Hängemattenchap erweitert werden.
Bei persönlicher Unsauberkeit (leicht möglich durch den Dreck der Werftarbeiten und der beschränkten Waschmöglichkeiten) muss unter bösen Kommentaren die Front abgeschritten werden. Danach wird der Unglückliche nackt auf der Back durch seine Zug-Kameraden mit Meerwasser und harten Bürsten „gewaschen“. Einmal schrubbe ich mit zwei anderen ein Opfer nicht hart genug. Wir sollen deshalb ebenfalls nackt antreten. Ich ignoriere den Befehl, hole unentdeckt frisches Wasser und schrubbe mit etwas mehr Eifer.

Unterricht und Arbeit an Bord
Obersteuermann Meyer unterrichtet über Navigation, Betonnung, und Befeuerung. Leutnant Blume lehrt Seestraßenordnung. Die Themen müssen auswendig gelernt werden und darüber werden Arbeiten geschrieben. Es wird gewinkt und gemorst. Meist verläuft der Dienst auf Oberdeck.
In der „Seemannschaft“ lernen wir knoten und spleißen, schleudern die Wurfleine zur Pier und schleppen den Warpanker im Laufschritt über Deck. Wir müssen uns an einem Tampen (Seil) vom Vorschiff hinunterhangeln und über der Wasseroberfläche Halt in einer Schlinge suchen. Einer erwischt sie nicht und wird erst hochgezogen, als ihm das Hafenwasser bis übers Knie reicht. Wir kratzen alte Farbe ab und pöhnen (anstreichen) das Schiff außenbords im Bootsmannstuhl. In einem kleinen Chap (winziger Raum) atme ich beim Pöhnen so viel Lösungsmitteldämpfe ein, dass ich an Oberdeck eine Weile taumele.

In der kärglichen Freizeit läuft oft das Bordkino.

Kutterpullen
Ab 16. Februar sitzen wir täglich eine Stunde in 14-riemigen Kuttern. Der Umgang mit den Riemen („Rudern“) ist anfangs sehr anstrengend. Sie scheinen schwer wie Eisen zu sein. Zunächst wird das Boot fest an Leine gelegt und „Klar bei Riemen!“ (Riemen wagerecht), „Riemen bei!“ und „Tempo eins, zwei drei!“ geübt. Nach einigen Tagen werden geübt: Anlegemanöver, „Boje über Bord“ sowie die Ehrenbezeugung „Riemen hoch“, wobei einem das kalte Hafenwasser in die Ärmel läuft. Meine Gruppe ist beim Reespullen (Wettrudern) eine der besten Kutterbesatzungen. Nach dem Bootsdienst werden die Kutter an der Achterleine der Emden angebändselt. Einmal müssen wir über diese Manilatrosse an Bord hangeln. Dabei fällt unser Schwächster, Skoda, entkräftet ins Wasser.

Reinschiff
Immer wieder heißt es „Reinschiff“! Ich habe zunächst das Kantinendeck, später den feuchten „Heldenkeller“ zu säubern. Bis zu „Reinschiffstationen aufklaren!“ und „Ausscheiden aus Reinschiff!“ muss unentwegt geputzt werden, auch wenn alles sauber ist. Am Sonnabend heißt es "Großreinschiff!" Schon vor Beginn werden Backen und Banken geschrubbt, dann werden nach „Anfangen mit Reinschiff!“ Deck und Wände gewaschen.

"Flagge Lucie"
Ende Februar hat sich beim Zugführer so viel Unwillen angehäuft, dass er von 17.30 bis 18.45 die „Flagge Lucie“ hisst. Hierzu müssen wir ca. 30 Mann auf der Pier antreten, während in unserem Wohndeck 60 Mann der anderen Züge zu Abend essen. Blume befiehlt: „In 2 Minuten steht alles wieder in 1. Garnitur hier!“ Wir stürmen an Bord, drängen in den Wohnraum, reißen Essende von den Spinden weg, werfen ausgezogene Kleidungsstücke auf wachsende Haufen, ziehen das Befohlene an und rasen auf die Pier zurück.
Befehle dieser Art wiederholen sich mehrfach. Bald sind die eigenen Kleidungsstücke nicht mehr zu finden. Jeder schnappt sich das, was er schnell erlangen kann. Kniebeuge, Häschenhüpfen, Knien und Hinlegen schließen sich dieser Plage an. Zurück im Wohndeck werfen die meisten ihre Sachen schnell in den Spind und essen erst etwas.
Aber gleich werden die Spinde kontrolliert und zur Strafe eine neue „Flagge Lucie“ verordnet, die Bootsmaat Wittosek am nächsten Tag etwas friedlicher leitet. Dabei behalte ich unzulässig das Sportzeug unter der 1. Garnitur an, verneine dies auf Befragen und werde zum Glück nicht kontrolliert.
Die nächste „Abreibung“ durch Blume ist Anfang März an einem freien Nachmittag fällig. Unter der Gasmaske werden befohlen Häschenhüpfen, Pumpen (Liegestütze) und Hinlegen.

Läuse an Bord
Wahrscheinlich haben die schmutzigen ausländischen Werftarbeiter Läuse eingeschleppt. Nach deren Entdeckung müssen alle Klamotten in den Seesack verstaut und mit der Hängematte auf die Pier gebracht werden. Spinde und Backskisten werden mit Lysol ausgewischt. Dann marschieren wir eine Stunde mit Seesack und Hängematte auf dem Rücken zur Entlausung. Wer trotz Warnung auch Stücke mit Lederteilen abgibt, findet diese unbenutzbar geschrumpft wieder. Erst 2 Uhr nachts sind wir zurück, und der Dienst beginnt unverändert um 6 Uhr.

Hafenwache
Ab März werden wir zur Wache eingeteilt, die nur in die Freizeit und in die Nacht fällt. Ich gehöre zur Steuerbordwache, die täglich mit der Backbordwache wechselt. Bei einem Wachdienst von 17 bis 19, 23 bis 1 und 5 bis 7 Uhr bleibt wenig Zeit zur Regeneration. Ist man überzählig, dann können auch mal vier Tage zwischen dem Wachdienst vergehen.
Auf dem Schiff (Back, Schanz, Seitendeck neben dem Fallreep) stehen Sabotageposten mit Maschinenpistole und Handgranate. An der Stelling stehen der wachhabende Offizier, der Bootsmaat der Wache, der Fallreepsgefreite, der Läufer Deck und der Posten Stelling. Je ein Posten mit Karabiner steht auf der Pier vor dem Vor- und Achterschiff.
Ordonnanzen heißen bei der Marine Läufer. Sie sind dem Kommandanten, dem 1. Offizier (IO) und der Messe zugeteilt. Ein Ehrenposten steht mit dem Seitengewehr vor der Brust vor der Kommandantenkajüte.
Ich bin Posten vor dem Schiff, Sabotageposten und Ehrenposten. Meine erste Wache habe ich als Läufer IO beim Navigationsoffizier Korvettenkapitän Schäfer, der den 1. Offizier Fregattenkapitän Wiekmann vertritt.

Fliegeralarm
Am 11. März marschieren wir durch eine Trümmerlandschaft ins Grüne und sehen beim Panzerfaustschießen zu. Abends bei „Backen und Banken!“ summt es kurz-kurz-lang-kurz, das ist Fliegeralarm! Befehlsgemäß sucht die Besatzung einen Hochbunker oder den U-Boot-Bunker Konrad auf. Im Bunker dringt durch das Krachen der Bombeneinschläge die Durchsage „Pumpenmeisterei der Hipper an Bord!“ Dann wird das Panzerschott des Bunkers aufgerissen und auf einer Bahre der ZO III unserer l. Division hereingetragen.
Auf die Meldung „Die Emden brennt!“ renne ich mit Bootsmaat Wittosek aus dem Bunker zum Schiff, während noch Bomben im Werftgelände einschlagen. Tatsächlich liegt Rauch über dem Vor- und Achterschiff. Unser Wohnraum ist unversehrt, da der Decksposten das Panzerschott zum Vorschiff rechtzeitig schloss, wo eine Sprengbrandbombe hinter dem Turm Anton eingeschlagen ist. Dort liegen die Offizierskammern. Mit dem Navigationsoffizier dringe ich unter der Gasmaske ins verqualmte Backsdeck ein. Es schimmert rötlich, aber es sind keine Flammen, sondern eine Notbeleuchtung. Wir finden die Offizierskammern unbeschädigt vor. Der Rauch war nur vom Oberdeck eingedrungen. Der Brand wird schließlich von der Back durchs Einschlagloch gelöscht.
Ich eile anschließend nach achtern, wo der Schlosshof mit Kommandantenkajüte, Offizierskammern und Bücherei und die darunter liegende Zwischendeckräume Abt. 4 bis 6 in hellen Flammen stehen. Ein Maat schreit mir zu: Strahlrohre holen! Nach eiligem Fragen finde ich sie am vorderen Schornstein. Die Brände sind bald gelöscht, wobei das Löschwasser eine leichte Steuerbord-Schlagseite bewirkte.

Am 18. März läuft die mächtige „Admiral Scheer“ von der Weichselmündung kommend in den Hafen ein und macht in 200 m Entfernung fest.

Bootsmaat Wittosek wird zunehmend „menschlich“. Er spinnt gern Seemannsgarn, jagt uns aber auch gern über die Aufbauen, was wir als sportliches Vergnügen empfinden.

Am 23. März besucht Flottenchef Vizeadmiral Mensen-Bohlsen, genannt „Messingbolzen“, das Schiff.

Durch einen Sturz über den Steuerbord-Torpedosatz verletze ich mich am rechten Schienbein. Mit eiternden Wunden mache ich mehrere Wochen Dienst. Als Schmerzen beim Stehen einsetzen, suche ich am 28. März das Lazarett auf, muss gleich dort bleiben und schlafe zunächst 1,5 Tage durch.
Zuvor hat Obermaat Wagner meinen Spind offen vorgefunden, mich aber nicht zur Bestrafung gemeldet. Ich bitte im Lazarett Wittosek, ein Wort für mich einzulegen. Schließlich besuchen mich beide, und die Angelegenheit war wohl vergessen.
Meinem Wunsch nach baldiger Entlassung wird nicht entsprochen.

Donnerschläge lassen das Schiff erzittern
Tarnnetze werden über das Schiff gezogen. Beim Fliegeralarm am Nachmittag des 3. April eilt die Besatzung in die Bunker. Die Lazarett-Insassen dürfen an Bord bleiben und müssen die BÜ(Befehlsübermittler)-Werkstatt neben dem Chinesendeck in Abt. 15 aufsuchen. Bald dringt ein unheimliches Flattern durch die Lüfter, und gleich vergeht die Leselust. Das Flattern kommt immer näher. Plötzlich bringt ein Donnerschlag das ganze Schiff zum Zittern, als wäre eine Bombe auf der Schanz eingeschlagen. Unmittelbar darauf folgt der nächste Donnerschlag, und das ganze Schiff bebt, als hätte es mittschiffs eingeschlagen. Beim dritten Einschlag scheint die Decke herunterzukommen. Die Glühbirnen platzen, und wir sitzen im Dunkeln. Angstvolle Stimmen werden laut: „Wir haben Schlagseite!“, „Es gluckert schon!“, „Hoffentlich kommen wir noch raus!“.
Einer kletterte den Niedergang hoch und kann aus Nervosität die 16 Riegel des Panzerschotts nicht öffnen. Ich ertaste einen Hammer und reiche ihn hoch. Nun werden die Riegel geöffnet, und das Panzerschott schnellt durch Federdruck nach oben.

Wir stürzen an umgefallenen Gewehrspinden vorbei ans Oberdeck. Scherben und Unrat liegen an Deck. Der Backbord-Niedergang zur Back ist zur Wendeltreppe verbogen, ein Teil der Reling zerfetzt. Neue Anfluggeräusche treiben uns in unser Verlies zurück.

Nach einer halben Stunde verhallen die Detonationen. Wir steigen aufs Oberdeck und sehen, was geschehen war: Zwei Bomben waren dicht neben dem Schiff auf der Pier detoniert und hatten einen ovalen Trichter gebildet. Die dritte Bombe war über uns im oder am vorderen Schornstein detoniert, hatte diesen abgerissen und wagerecht auf die Abrissstelle gelegt. Von Backbord kommt Cloppenburg aus meiner Gruppe schwarz wie ein Schornsteinfeger zu uns. Seine Trommelfelle waren geplatzt. Er war auf dem Oberdeck mit einem Maschinengefreiten in Deckung gegangen, dieser wurde durch ein aus 3 m Höhe herabstürzendes Panzerschott erschlagen.

Weitere Angriffe
Am 9. April kann ich das Lazarett verlassen. Beim Fliegeralarm am Abend spurten wir in den Bunker, der bald im Bereich eines Bombenteppichs liegt und bei jedem nahen Einschlag hüpft. Beim ersten direkten Treffer kommen die Kameraden verstört aus dem 3. Stock, der als „Schlafsaal“ beliebt war, herunter. Eine Bombe schlägt vor dem Bunkereingang ein, bringt die Riegel der Stahltüre zum Brechen, die nun bei jedem Naheinschlag krachend an die Wand schlägt. Noch zweimal wird der Bunker getroffen und immer mehr Staub füllt die Luft. Dann wird es still. Eine Entwarnung kommt nicht, wahrscheinlich gibt es keine intakten Sirenen mehr. So sammelt der IO die Besatzung zum Rückweg an Bord. Überall lodern Brände, Teile von Kleinst-U-Booten liegen verstreut herum, die Straße zur Pier ist eine Trümmermulde. Wir übersteigen Schuttberge und umgehen Bombentrichter. An der Pier packt uns das Entsetzen: die mächtige „Scheer“ ist gekentert, Ruderblatt und Schrauben ragen nach oben.

Klopfzeichen in der SCHEER
Auf den Befehl „Seemännische Besatzung in die Kutter!“ spurte ich zur „Emden“. Sie ist unbeschädigt, nur die Rettungsflöße auf der Pier brennen. Im Dunkeln lasse ich mich an einem Pressluftschlauch zu einem Kutter hinunter und mache ihn klar. Als einige nachkommen, pullen wir unter Leutnant Fritz zur „Scheer“, finden aber niemand im Wasser. Ein Verkehrsboot hat am Rumpf angelegt. Wir hören Klopfzeichen. Angeblich waren acht Bomben an Steuerbord detoniert, dann stürzte ein Hafenkran auf das Schiff und brachte es innerhalb von 19 min zum Kentern. Am nächsten Abend pullen wir den Divisionsoffizier zur „Scheer“ und sehen, wie gerade ein Besatzungsmitglied durch ein aufgeschweißtes Loch herausgezogen wird. Es kommt in unser Lazarett. Am nächsten Abend pullen wir den IO zur „Scheer“ und wieder wird eine leblose Gestalt aus dem Rumpf herausgezogen. Unser Dienst läuft unbeeinträchtigt weiter, nur der Morgenlauf ist zum Hindernislauf um Bombentrichter geworden.

Am Freitag, dem 13.4., wird während des Abendessens befohlen „Die Gruppe vom Dienst Kutter besetzen!“ Unlustig machen wir unter dem ebenfalls unlustigen Bootsmaat Wittosek den Kutter klar und legen am Fallreep an. Der Wachoffizier pfeift „Seite“. Der IO und einige jüngere Offiziere kommen das Fallreep herunter und nehmen auf Lederkissen am Heck Platz, an dem die Reichskriegsflagge flattert.
Wir sind die beste Kutter-Gruppe in der Division, aber unser Ersatzmann Skoda vermasselt das Pullen total. Die Offiziere sticheln, sodass der IO wütend wird und laut die Schläge zählte. Es wird aber eher schlimmer. Wittosek wird heruntergeputzt, reagiert aber gelassen und grinst sogar ein wenig, was den IO noch wütender macht. Beim Anlegen an der Elisabethbrücke rammen wir sogar eine Dalbe. Nun soll sich Wittosek beim DO melden. Wir befürchten Strafen, aber wider Erwarten witzelt er bei der Rückfahrt über den Vorfall.

Knietief Wasser im Lazarett
Abends liege ich als erster in der Hängematte und ausgerechnet gibt es Fliegeralarm! Also wieder angezogen und die Hängematte abgebändselt. Im Bunker nehmen wir nur entferntere Detonationen wahr. Deshalb überraschte uns, dass wir nach dem Angriff die „Emden“ mit einer starken Schlagseite nach Backbord vorfinden. Der IO steht an der Stelling und lässt nur die Pumpenmeisterei an Bord. So müssen wir zum Bunker zurück und dort schlafen. Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass eine Bombe dicht am Vorschiff detoniert war und die Bordwand unter Wasser aufgerissen hat. Drei Lenzboote halten das Schiff schwimmend. Wir bringen Seesäcke, Hängematten und Backsgeschirr auf die Pier. Als ich Wäschestücke im Zwischendeck hole, sehe ich das Wasser im Lazarett kniehoch stehen. Bald befiehlt der Oberbootsmann „Alle Mann von Bord!“. Wir verlassen rasch das Schiff und bringen unsere Sachen in den U-Boot-Bunker Konrad.

Auf Grund gesetzt
Um 14.00 stehen einige Seeleute mit Rettungsgürteln an Bord, der IO spricht von der Brücke einige Abschiedsworte, dann wird die „Emden“ über den Achtersteven abgeschleppt und in der Heikendorfer Bucht auf Grund gesetzt.

Horst Frind
Crew X/44 SOA-RON
* 18.06.1927